Forschen wie im Bienenstock

16. Januar 2018 von Christina Mikalo
Foto: Annie Spratt/Unsplash, CC0
Foto: Annie Spratt/Unsplash, CC0

„Eigentlich“, sagt Thorsten Kluß, „ist der Winter keine gute Zeit, um eine Reportage über Bee Observer zu schreiben – noch schwirrt wenig draußen herum.“ Der Informatiker steht auf einem kleinen Gelände neben seinem Arbeitsplatz, dem Institut für Neuroinformatik in Bremen, und deutet auf acht grüne Kästen. „Das sind unsere Bienenstöcke“, erklärt er. Auf den ersten Blick wirken die tatsächlich so, wie Bienenstöcke bei minus ein Grad Celsius eben wirken: unbelebt.

Doch im Inneren tut sich etwas.

„Wir statten die Wabenrähmchen mit Sensortechnik aus.“ Kluß hält ein mit Draht überzogenes Mikrofon in die Höhe. „Wir messen im Stock verschiedene Faktoren – von der Temperatur bis zur Luftfeuchtigkeit. Durch das Sammeln vieler Daten wollen wir verstehen, welche Zusammenhänge für das Bienensterben verantwortlich sind, und wie wir den Tieren helfen können.“
Das tun die Bremer Wissenschaftler nicht allein: Bee Observer ist ein Citizen-Science-Projekt. Die Berliner Makergruppe Hiveeyes entwickelt die Sensoren mit und stellt für Imker eine Anleitung bereit, wie sie die Technik günstig erwerben und in ihre Stöcke einbauen können. Die Imker wiederum versorgen die Bremer Informatiker mit Wissen – und manchmal sogar mit mehr.
Kluß lächelt. „Anfangs dachte ich, dass Imker alles Rentner mit zu viel Zeit sind. Doch das sind unglaublich kluge Leute, die auf viele Ideen kommen, die uns gar nicht einfallen würden.“ Von Forschung im „Elfenbeinturm“ hält der Informatiker nichts. „Ich denke eher, dass es unsere Verantwortung ist, die akademischen Grenzen niedrig zu halten. Jeder sollte an Wissenschaft teilhaben können.“

Teil an BeeObserver haben unter anderem Clemens Gruber, Maker bei Hiveeyes, und Peter-Michael Thiemer, Hobbyimker. Beide wohnen in Berlin, rund 316 Kilometer von Bremen entfernt, und glauben wie Thorsten Kluß, dass Citizen Science die Forschung bereichert. „Im Ideallfall“, ergänzt Gruber vorsichtig. Thiemer klingt optimistischer. Er sieht in Bee Observer eine Gelegenheit, „um Politikern und der Chemielobby das Ausmaß der Naturbeschädigung zu zeigen."
Interesse daran dürfte vor allem das Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung haben. Es fördert Bee Observer und zwölf andere Citizen-Science-Projekte mit fünf Millionen Euro. Laut Bildungsministerin Johanna Wanka soll das Geld „die Bürgerforschung verbessern und methodisch voranbringen.“ 

Zurück nach Bremen. Thorsten Kluß denkt inzwischen darüber nach, was Citizen Science bedeutet: „Eigentlich heißt es ja nur, dass Bürger irgendwie an der Forschung teilhaben.“ Oft hat Kluß erlebt, dass Laien Wissenschaftlern beim Datensammeln helfen. Das aber war dem Informatiker und seinen Kollegen zu wenig. 
Deshalb mischen Imker und Maker kräftig bei Bee Observer mit. Manchmal tauschen die Bürgerforscher und Kluß haufenweise E-Mails nur mit Ideen aus. Was nach Spaß klingt, bedeutet in Wahrheit auch Druck. Als Förderprojekt soll Bee Observer herausfinden, warum es den Bienen derzeit so miserabel geht.
Trotzdem: In Bremen ist die Stimmung gelassen bis heiter. Begeistert zeigt Thorsten Kluß auf ein Solarpanel, das mit einem Bienenstock verbunden ist. „Das ist ein Versuch, Bee Observer weiterzuentwickeln und den Storm für die Sensoren aus umweltfreundlicher Energie zu beziehen“, sagt er.

Wer die Idee für das Solarpanel hatte, ist nicht klar. Vielleicht waren es alle: Forscher, Maker und Imker. Thorsten Kluß nennt das „sortierte Vielfalt“. Alle arbeiten an unterschiedlichen Dingen, aber für das gleiche Ziel – fast wie die Bienen im Stock.

Die Reportage entstand im Rahmen einer Bewerbung für die Deutsche Journalistenschule. Wir danken der Autorin für die Bereitstellung des Textes.

Christina Mikalo

Christina Mikalo studiert in Kulturwissenschaften an der Leuphana Universität Lüneburg. Nebenbei arbeitet sie als freie Autorin für das Debattenportal Sagwas.net.

Schreiben Sie uns einen Kommentar