Nachgeforscht bei Florian Heigl von Projekt Roadkill

 

Florian Heigl ist Doktorand an der Universität für Bodenkultur Wien, Gründer und Koordinator von „Österreich forscht“ und Leiter von  „Projekt Roadkill“.

 

Wo sind Sie zum ersten Mal mit Citizen Science in Berührung gekommen und was hat Sie bewegt, dabei zu bleiben?

Ich bin vor 5 Jahren das erste Mal mit Citizen Science in Berührung gekommen, als ich einen Vortrag zu Bürgerbeteiligung hörte. Das Konzept gemeinsam mit der Bevölkerung an einem konkreten Problem zu forschen und eine Lösung zu finden, die gesellschaftsrelevant ist, hat mich sofort fasziniert und hält auch meine Motivation hoch.

Wie kam Ihnen die Idee zu Ihrem Projekt? Und warum wollen Sie Bürgerbeteiligung?

Die Idee kam auf der Straße. Wenn man auf der Straße unterwegs ist, kommt man unweigerlich an überfahrenen Tieren vorbei. Mich hat interessiert, wie es zu diesen Kollisionen kommt, welche Tierarten davon betroffen sind und wie groß der Einfluss auf die Biodiversität ist. Als ich zu recherchieren begann und relativ wenig Informationen und Literatur zu diesem Thema fand, fing mein Forscherherz natürlich sofort Feuer.

Ohne die Beteiligung der Bevölkerung wäre das Projekt Roadkill kaum möglich. Die hohe Straßendichte und die relativ dichten Zeitabstände die nötig sind um alle überfahrenen Tiere zu beobachten, machen es fast unmöglich die nötigen Daten mit professionellen WissenschafterInnen allein zu sammeln.

Worum geht es in Ihrem Projekt?

Im Projekt Roadkill möchten wir Daten zu überfahrenen Tieren sammeln. Bisher gibt es meist nur Daten zu jagdbarem Wild (also Hirsch, Reh, Wildschwein, etc.), alle anderen Tierarten (z.B. Igel, Frösche, Eidechsen) werden nicht systematisch erfasst. Wir möchten mit dem Projekt einen Überblick schaffen, welche Tierarten, auf welchen Straßenabschnitten, wie stark von Roadkill betroffen sind um so die Grundlage zu schaffen um genauere Methoden anzuwenden und schlussendlich möchten wir gemeinsam mit den Behörden gefährliche Straßenabschnitte auch entschärfen.

Womit ringen Sie in Ihrem Arbeitsalltag am meisten?

Wie wahrscheinlich jedes Citizen Science Projekt, mit technischen Problemen und der Bewerbung des Projekts um neue TeilnehmerInnen zu gewinnen.

Mal ehrlich: Gab es auch Fehlversuche oder Enttäuschungen? Was würden Sie beim nächsten Mal anders machen?

Natürlich, genügend. Wir lernen fast jeden Tag etwas Neues und der Liste der möglichen Verbesserungen wird oft etwas hinzugefügt. Aber wir arbeiten diese Liste auch ständig ab und so entwickelt sich das Projekt auch immer weiter.
Wir wissen nach über vier Jahren Projektlaufzeit schon vieles, was wir am Anfang anders hätten machen sollen, aber damals war dieses Wissen einfach noch nicht vorhanden und daher schätzen wir es sehr, von unseren Anfangsfehlern auch lernen zu dürfen und hoffen, viele der Ideen, die daraus entstanden sind in Zukunft auch umsetzen zu können.

„Die Neugier steht immer an erster Stelle eines Problems, das gelöst werden will“, weiß Galileo Galilei. Und darüber hinaus? – Was sind die 3 wichtigsten Eigenschaften, um bei dem Projekt mitzumachen?

Neugier ist sicher extrem wichtig in allen Citizen Science Projekten. Bei uns sind es weiters die Bereitschaft Zusammenhänge verstehen zu wollen und das Durchhaltevermögen welches notwendig ist um von der langjährigen Datensammlerei zu sichtbaren Lösungen zu gelangen.

Gummistiefel und Fernglas, Toolkit oder App – wie technisch versiert sollten Ihre Mitforscher sein? Was kann man in Ihrem Projekt dazulernen? (Gern können hier auch Beratungs- und Weiterbildungsangebote genannt werden.)

In unserem Projekt braucht man eigentlich nur ein Smartphone mit unserer App für Android oder iOS oder einen Computer mit Internetanschluss. Grundsätzlich sind unsere Apps und Onlineformulare so gestaltet, dass sie selbsterklärend sind, auch wenn man sich wenig mit Computern beschäftigt. Schön wäre es, wenn die TeilnehmerInnen ein Grundwissen in der Artenkenntnis mitbringen würden, aber das ist keine Voraussetzung, da man, je länger man beim Projekt mitmacht umso besser die Arten kennenlernt, die auf der Straße zu finden sind. Da alle Daten online gut aufbereitet sind, kann man auch von anderen TeilnehmerInnen lernen, die schon länger dabei sind.

Die Erkenntnis, welchen direkten Einfluss der Mensch auf die Tierwelt hat ist in diesem Projekt besonders beeindruckend. Je länger man sich mit dem Thema beschäftigt und Daten sammelt, desto öfter sieht man auch die Tiere auf der Straße und glaubt es kaum, wie viele Tiere man vor der Projektteilnahme gar nicht wahrgenommen hat.

Ihr schönster Citizen Scientist-Moment – wie war der? Was war der größte Erfolg der gemeinsamen Forschung?

Die schönsten Momente für mich sind einerseits, wenn ich von den TeilnehmerInnen lernen kann (was schon oft passiert ist), sich die Menschen über das Projekt unterhalten, ohne dass ich Werbung dafür machen muss und sie es sinnvoll halten und natürlich wenn wir erste Ergebnisse aus dem Projekt publizieren können. Dies haben wir auch bereits drei mal in Fachjournalen gemacht. Außerdem sind wir stolz auf unsere 500 TeilnehmerInnen und über 4500 Einträge die bisher in der ganzen Welt gesammelt wurden.

Wo kann man Ergebnisse Ihres Projektes sehen?

Die Ergebnisse des Projekts werden in internationalen Fachjournalen Open-Access publiziert. Diese Publikationen, Poster von Konferenzen und vieles mehr sind auf Deutsch und Englisch auf der Projektwebsite nachzulesen. Außerdem informieren wir auch über Facebook, Twitter und Instagram.