Nachgeforscht bei Silke Oldorff von „Tauchen für den Naturschutz“

Silko Oldorff (rechts ) bei der gemeinsamen Auswertung nach einem Tauchgang. Dabei werden Pflanzenproben nachbestimmt und Bewertungsbögen für den Tauchgang ausgefüllt. Foto: Tom Kirschey

 

Silke Oldorff ist stellvertretende Naturparkleiterin, Taucherin, Autorin eines Bestimmungsbuchs für Unterwasserpflanzen und Initiatorin des Citizen-Science-Projekts „Tauchen für den Naturschutz“.

Wo sind Sie zum ersten Mal mit Citizen Science in Berührung gekommen und was hat Sie bewegt, dabei zu bleiben?

In meiner Heimat, dem Naturpark Stechlin-Ruppiner Land im Norden Brandenburgs, gibt es die größte Konzentration von nährstoffärmeren Klarwasserseen in Deutschland. In den letzten Jahrzehnten beobachteten wir aber eine starke Verschlechterung des Gewässerzustands in vielen Seen. Anfangs ohne die Ursachen klar benennen zu können, denn die Einzugsgebiete dieser Seen sind frei von Landwirtschaft. Es bestand der Wunsch, „unter die Wasseroberfläche zu gucken“, präzisere Daten aufzunehmen und Verbündete für den Gewässerschutz zu suchen.

Wie kam Ihnen die Idee zu Ihrem Projekt? Und warum wollen Sie Bürgerbeteiligung?

In dieser Situation haben wir Tauchsportvereine und Naturschützer zusammengebracht und begonnen Sporttaucher botanisch zu schulen, den Wasserpflanzen sind ein hervorragender Indikator des Gewässerzustands.  Gleichzeitig haben die Sporttaucher den Naturschützern das Tauchen beigebracht. Ich glaube auch, dass der Begriff Bürgerbeteiligung nicht ganz richtig ist. Nicht wir beteiligen die Bürger. Vielmehr ist es eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe.

Worum geht es in Ihrem Projekt?

Sporttaucher werden durch unser Projekt in die Lage versetzt, anhand der vorgefundenen Wasserpflanzen und der Gewässerstrukturen eigenständig den Zustand des Gewässers zu beurteilen. Sie können Unterwasserpflanzen erkennen und bestimmen, die für einen intakten Gewässerlebensraum wichtig sind. Die typischen Unterwasserpflanzen von solchen Arten unterscheiden, die Störungen und Beeinträchtigungen des Gewässers anzeigen, die Häufigkeit der einzelnen Pflanzenarten in der untersuchten Unterwasservegetation einschätzen sowie typische Habitatstrukturen und eventuelle Schäden erkennen und bewerten.

Womit ringen Sie in Ihrem Arbeitsalltag am meisten?

Das Projekt ist ehrenamtlich. Wir hatten durch den Deutschen Naturschutzpreis für die Jahre 2014-15 über eine Teilzeitstelle Unterstützung bei der Organisation zur Schaffung von Grundlagen für einen deutschlandweiten NABU/VDST Spezialkurs (SK) „Tauchen für den Naturschutz“.  Momentan bauen wir Gruppen in den einzelnen Bundesländern auf. Leider gibt es bislang nur 3 Ausbilder für Brandenburg, NRW und Hessen. In diesem Jahr, so hoffe ich, kommen Ausbilder in Hamburg, Niedersachsen, Sachsen und eventuell für Mecklenburg-Vorpommern und Berlin dazu. Wir können momentan die Nachfragen nach dem SK nicht abdecken.

Mal ehrlich: Gab es auch Fehlversuche oder Enttäuschungen? Was würden Sie beim nächsten Mal anders machen?

Enttäuschend ist die Rolle einzelner Behörden. Verantwortliche Stellen wollen nicht immer wissen in welchem Zustand sich Seen befinden. Man sieht ja am Schreibtisch nicht wie es unter Wasser aussieht. Für einen See in Brandenburg, der laut einer Publikation aus dem Jahre 1997 wertvolle Pflanzen beheimatete, brauchten wir insgesamt 7 Genehmigungen. Als wir nach 4 Monaten im See endlich die Pflanzen kartieren durften, fanden wir einen von Fischbesatz zerstörten See vor. Es gab keine Pflanzen mehr, alle Großmuscheln waren verendet und die Sicht lag bei 30 cm. Den verantwortlichen Stellen war es egal, dass der See unsachgemäß bewirtschaftet wird. Das ist leider kein Einzelfall! Wir setzen jetzt mehr auf die Aufklärung von Eigentümern, Nutzern und Betreibern.

„Die Neugier steht immer an erster Stelle eines Problems, das gelöst werden will“, weiß Galileo Galilei. Und darüber hinaus? – Was sind die 3 wichtigsten Eigenschaften, um bei dem Projekt mitzumachen?

Begeisterung für die Schönheit unserer Seen, etwas Neues ausprobieren zu wollen und Verantwortung für unsere Gewässer übernehmen.

Gummistiefel und Fernglas, Toolkit oder App – wie technisch versiert sollten Ihre Mitforscher sein? Was kann man in Ihrem Projekt dazulernen? (Gern können hier auch Beratungs- und Weiterbildungsangebote genannt werden.)

Man muss schon Tauchen können. Wir verlangen mindesten 50 geloggte Tauchgänge, das bedeutet dass der Sporttaucher Erfahrungen hat und sich unter Wasser professionell bewegen kann, ohne das Gewässer zu schädigen. Sporttaucher sind bereits sehr gut ausgerüstet. Sie haben immer einen Tiefenmesser, einen Kompass und meistens auch eine Unterwasserkamera. Wer Naturschutztaucher werden will, kann einen SK Tauchen für den Naturschutz besuchen. Wichtig ist, dass man einen Verein oder Tauchpartner hat, mit dem man das Gelernte bei seinen nächsten Tauchgängen anwendet. Wir biete jährlich auch Absolvententreffen an.

Ihr schönster Citizen Scientist-Moment – wie war der? Was war der größte Erfolg der gemeinsamen Forschung?

Als wir 2013 für unser Projekt den Deutschen Naturschutzpreis erhalten und es 2016 geschafft haben, dass Tauchen für den Naturschutz ein anerkannter Spezialkurs in Kooperation zwischen NABU und VDST wurde. Ich selbst bin immer ganz stolz, wenn Sporttaucher die im richtigen Leben Elektriker, Polizist, Feuerwehrmann, Verkäufer u.a. nicht grüne Berufe haben, ganz sicher Pflanzen unter Wasser ansprechen können und beim Auftauchen mir schon die Namen, wie Potamogeton praelongus oder Chara filiformis zurufen. 

Wo kann man Ergebnisse Ihres Projektes sehen?

Bis jetzt nur auf unserer Homepage www.NABU-Naturschutztauchen.de. Wir arbeiten momentan an einer App, in der man Vorort seine Ergebnisse auf dem Smartphone eintragen kann. Die Daten sollen allen zur Verfügung stehen. Wir bräuchten für die Weiterentwicklung der App sowie beim Aufbau eines deutschlandweiten Netzwerkes von Gruppen und Ausbildern Hilfe!