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Buerger schaffen Wissen

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“Unser Ziel ist es, zusammen mit der Politik, das Beste für unseren Planeten herauszuholen.” - Ein Interview mit Silke Voigt-Heucke

03. Dezember 2020 von Susanne Jaster
Foto: Tatiana Syrikova
Foto: Tatiana Syrikova

Im Oktober 2020 fand die Konferenz “Knowledge for Change: A decade of Citizen Science (2020-2030) in support of the SDGs” statt, maßgeblich mitorganisiert vom Museum für Naturkunde Berlin. Thema der Konferenz war es, den Beitrag von Citizen Science zur Erreichung der globalen Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen vorzustellen, zu bewerten und zu diskutieren. Ein wichtiges Ergebnis der Tagung war die Vorstellung einer in einem offenen und partizipativen Prozess formulierten Deklaration mit politischen Empfehlungen. Wir haben mit Silke Voigt-Heucke vom Museum für Naturkunde Berlin gesprochen:

Was besagt die Deklaration und an wen richtet sie sich?

In erster Linie richtet sich die Deklaration an die Politik, das heißt an policy maker im Förderungssystem und auch ganz direkt an das Wissenschaftsfördersystem der EU-Mitgliedsstaaten. Wir streben mit unserer Deklaration also sowohl die EU-Ebene als auch die nationale Ebene an. Das ist für uns besonders deshalb wichtig, weil die Deklaration in einem transparenten bottom-up-Prozess von der Citizen-Science-SDG-Community entwickelt wurde. Zusätzlich haben wir ganz viel Inhalt von Expert*innen im Bereich Citizen Science, Nachhaltigkeit, Open Science und Wissenschaftskommunikation erhalten, die uns als erfahrenes Gremium begleitet haben. In unseren Treffen mit der durchaus sehr heterogenen Community haben wir verschiedenste Themenschwerpunkte diskutiert. Als Ergebnis haben wir drei große Empfehlungen, kurz und knackig lesbar, formuliert und diese an die Politik gegeben. Um aber allen heterogenen Stimmen Rechnung zu tragen, wird die Deklaration noch einen Annex erhalten: alles also, um Citizen Science als Forschungsansatz für die Zukunft zu stärken und die Erreichung der globalen Nachhaltigkeitsziele zu unterstützen. Denn unser Ziel ist es, zusammen mit der Politik, das Beste für unseren Planeten herauszuholen.

Wie sieht der Status Quo der Beziehung zwischen Citizen Science und den UN-Nachhaltigkeitszielen (SDGs) aus?

Es gibt bereits viele, insbesondere lokale, Initiativen, die versuchen die globalen Nachhaltigkeitsziele zu unterstützen. Ein Problem ist in meinen Augen aber, dass die Communitys noch zu wenig verbunden sind. Genau wie es bei Social Media sogenannte “Filterbubbles” bzw. Blasen gibt, sehen wir solche losgelösten Blasen auch in unserer Community. Wir beobachten, dass die Communitys oft nebeneinander her existieren und wenig miteinander interagieren. Die Citizen-Science-Community forscht, initiiert Projekte und fördert Beteiligung. Und parallel dazu hat die UN 17 Nachhaltigkeitsziele ausgerufen und ein Set an Nachhaltigkeitsindikatoren zur Messung der Ziele entwickelt. Teilweise gibt es schon Verbindungen zwischen den Blasen und auch lokale Initiativen forschen bereits zu globalen Nachhaltigkeitszielen. Aber viele Citizen-Science-Initiativen wissen gar nicht, dass es die SDGs gibt oder dass sie mit ihren Projekten zum Monitoring der SDGs beitragen können. Das Potential, Brücken zu schaffen und die Gesellschaft mithilfe von Citizen Science stärker in die Erreichung der SDGs einzubeziehen, ist aber groß und sollte unbedingt genutzt werden! Denn die Nachhaltigkeitsziele können nur erreicht werden, wenn die gesamte Gesellschaft sie mitträgt.

Im Interview vor der Konferenz im Juli 2020 hatten wir bereits über die geplante Deklaration gesprochen. Gib uns doch bitte nochmal einen kurzen Überblick, wie die Deklaration entstanden ist und wie die weiteren Schritte bis heute verlaufen sind.

Wir hatten seit Juli insgesamt fünf virtuelle Meetings, in denen wir die Community eingeladen haben, die Inhalte der Deklaration zu diskutieren. Die wichtigste Frage für ganz Viele war, warum wir diese Deklaration überhaupt brauchen. Wir haben uns in den Treffen als Vermittler gesehen und erklärt, warum es wichtig ist, unsere Stimmen zu bündeln. Erst nach dem vierten Meeting hatten wir einen ersten, noch sehr langen und inhaltsschweren Entwurf. Gemeinsam mit unserem Expert*innen-Gremium war es dann unsere Aufgabe, nochmal alles zu diskutieren, die wichtigsten Punkte aufzugreifen, zu kondensieren und zuzuspitzen. Das war wichtig, um ein Papier in der Hand zu haben, dass wir in den hierarchischen Strukturen der Politik und Fördereinrichtungen vorlegen können, um wirklich Gehör zu finden. Jetzt wo der Inhalt steht, bereiten wir den Annex auf, sammeln weiter Unterschriften und schreiben Organisationen an, die vielleicht noch nichts von der Deklaration mitbekommen haben. Dadurch wollen wir Endorsements und positive Zusprüche erhalten und die Deklaration stärken und stark gegenüber der Politik zu präsentieren.

In der Deklaration werden verschiedene Empfehlungen genannt, um Citizen Science intensiv in die europäische Forschungsagenda einzubinden und zu einem zentralen Element für die Erreichung der globalen Nachhaltigkeitsziele zu machen. Die Deklaration empfiehlt dabei als erste von drei konkreten Maßnahmen, die Vorteile von Citizen Science für die SDGs zu nutzen. Warum ist ausgerechnet Citizen Science ein so wichtiger Ansatz?

Ich sehe es als wichtiges Ziel, unsere Gesellschaft nachhaltig zur besten Welt zu transformieren, die wir möglich machen können. Citizen Science als Forschungsansatz hat per se schon ganz viel mit der Transformation der Gesellschaft zu tun und ist letztlich eine Möglichkeit, wie wir die Wissenschaft revolutionieren können. Wir sollten das Wissen, die Initiativen, die Neugier, die Fragen und die Offenheit aller nutzen, um Wissen zu generieren, es weiterzugeben und es dann zwischen Forschung und Gesellschaft hin und her zu spielen. Citizen Science und SDGs sind daher für mich intrinsisch miteinander verknüpft.
Außerdem zielen die wenigsten Citizen-Science-Initiativen auf Themen wie beispielsweise nukleare Forschung ab. Häufig liegt der Fokus der Projekte eher auf Themen, die die Menschen und die Gesellschaft tatsächlich interessieren wie Biodiversität, aber auch nachhaltiges Leben, Essensproduktion oder Gesundheit. In einer Umfrage von Nicola Moczek, die wir im Rahmen der SDG-Konferenz durchgeführt haben, sehen wir, dass obwohl die meisten Projekte SDGs gar nicht konkret in ihren Projektbeschreibungen als Forschungsziel angeben, sie dennoch bereits dazu forschen. Das freut uns natürlich! Potential sehen wir jedoch noch bei der Datenweitergabe. Hier hapert es häufig daran, dass die Daten in den Projekten zwar gesammelt, aber nicht an Stellen weitergegeben werden, die die Daten auch als Indikatoren der SDGs sammeln würden, beispielsweise bei den Statistischen Bundesämtern. Diese Brücke müssen wir definitiv weiter stärken!

In der zweiten Empfehlung wird die Stärkung von Citizen Science und ihrer Vernetzung mit anderen Gemeinschaften genannt: Welche erfolgreichen Beispiele gibt es hier bereits?

Da denke ich direkt an den klassischen Bereich des Umweltschutz-Monitoring, spezifischer an das Vogelschutz-Monitoring. Das ist wahrscheinlich das größte und erfolgreichste Beispiel. In diesem Bereich sind Citizen-Science-Initiativen sowohl im deutschsprachigen, als auch im weltweiten Raum, schon sehr lange aktiv. In den USA gab es schon 1912 die ersten Initiativen, in denen Vögel offiziell und standardisiert gezählt wurden. Und in Deutschland gibt es das standardisierte Vogel-Monitoring seit den 70er Jahren. In diesen Projekten werden Daten von Citizen Scientists generiert, offiziell weitergegeben und verarbeitet. Die Organisation erfolgt durch Dachverbände, die im Kern vom ehrenamtlichen Engagement der Vogel-Liebhaber*innen und Vogelschützer*innen getragen werden. Wir erhalten in diesen Projekten tolle Daten, die die Forschung allein sonst nicht sammeln könnte! Aber das ist nur möglich, wenn ehrenamtliches Engagement der Citizen Scientists durch die Stärkung von Infrastrukturen unterstützt wird. Ansonsten haben wir viele kleine regionale Initiativen, die zwar Daten sammeln, aber diese in ihren Schubladen verschwinden lassen. Die große Leidenschaft und das Engagement würden dann verpuffen. Und die Projekte würden weder gute Forschungsergebnisse für das Umweltschutz-Monitoring erzielen, noch würden wir auf diese Weise belastbare Daten erhalten, um zu überprüfen, ob wir auf einem guten Weg sind, die SDGs zu erreichen. Deswegen müssen wir Strukturen und Vernetzung stärken, auch finanziell. Denn nur wenn wir das Engagement mit professionellen Netzwerken oder Plattformen unterstützen, Prozesse formalisieren, wissenschaftliche Standards anwenden und die Datenweitergabe stärken, werden wir mehr dieser tollen Beispiele haben.

Im dritten Punkt fordert die Deklaration die Stärkung von Strukturen. Wenn wir gemeinsam in die Zukunft schauen, wie könnten diese Strukturen für euch aussehen?

Ein ganz großes Problem der Wissenschaftsförderung ist, dass Citizen Science von den gängigen Drittmittelgebern, wie der Deutschen Forschungsgemeinschaft, nicht gefördert wird. Gefördert werden hauptsächlich “exzellente” Projekte an Universitäten und keine Projekte, die die Gesellschaft mitnehmen oder angewandte Forschung betreiben. Das heißt, dass einer der größten Drittmittelgeber Citizen Science immer noch aus dem Wissenschaftssystem ausschließt. Wir sehen das auch in einer großen Umfrage bestätigt, die wir im Rahmen unseres Weißbuch-Prozesses durchgeführt haben. Von den über 400 Leuten, die in ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz teilgenommen haben, gaben über 50 % der Projekte an, keine Drittmittel-Förderung zu erhalten.
Eine der wenigen Fördermöglichkeiten kommt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Aber auch diese Förderung ist in meinen Augen in einem zu kleinen Rahmen, sodass Citizen Science nicht im Mainstream ankommt und sich nicht als gleichwertiger Forschungsansatz etablieren kann. Dabei wäre die Akzeptanz im Wissenschaftssystem, aber auch im Bildungssystem, besonders wichtig, um Citizen Science nicht mehr als Exoten oder Modeerscheinung wahrzunehmen. Citizen Science würde dann als eine Möglichkeit angesehen werden, das Wissenschaftssystem und die Wissensproduktion zu demokratisieren und den Elfenbeinturm der Forschung abzubauen. Und gleichzeitig könnte Citizen Science als Instrument dienen, um Schüler*innen bereits früh zu motivieren, Fragen zu stellen und ihnen zu zeigen, dass ihre Neugier und Fragen genauso wichtig sind wie die der Wissenschaftler*innen. Wir könnten die Wissenschaftskommunikation in einem ihrer größten Ziele unterstützen, indem wir Scientific Literacy, also wissenschaftliches Verständnis, bereits bei Kindern und Jugendlichen stärken.

Die Deklaration hat bereits über 270 Unterzeichner. Ist sie für euch damit ein Erfolg? Welche Ziele und Schritte stehen für euch als nächstes an?

Was wir mit dieser Deklaration geschaffen haben, ist mit der Tagung noch nicht abgeschlossen. Wir haben die Deklaration auf unserer Website veröffentlicht und vom 6.-12. Dezember werden wir die Deklaration während eines Events des Joint Research Centre zum Thema Public Engagement präsentieren. Bis dann sammeln wir noch möglichst viele Unterschriften. Als letzten Akt werden wir die Deklaration offiziell an die Politik weitergeben, wenn der Annex fertig ist. Für uns ist wichtig, dass wir eng mit der Europäischen Kommission zusammengearbeitet haben und dass das Papier dort bereits auf positive Neugier gestoßen ist. Gleichzeitig haben wir einen guten transparenten Bottom-up-Prozess geschaffen, der von vielen Leuten mit unterschiedlichen Interessen begleitet wurde. Unser Ziel ist es, dass die Deklaration jetzt keine Schreibtisch-Leiche wird, sondern tatsächlich Gehör findet. Aber ob und wofür sie schlussendlich genutzt wird, wird die Zukunft zeigen.

Susanne Jaster

Als Masterstudentin der Psychologie (HPSTS) unterstützt Susanne das Team von Bürger schaffen Wissen insbesondere bei den Veranstaltungen von Oktober bis Dezember 2020.

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