Abgetaucht: im Gespräch mit Unterwasserarchäologe Florian Huber

17. April 2019 von Florence Mühlenbein
© Florian Huber
© Florian Huber

Florian Huber ist ausgebildeter Forschungstaucher und Unterwasserarchäologe und hat damit seine Faszination für das Tauchen und die Archäologie unter einen Hut gebracht. Seit 2002 erforscht er in Tauchgängen für Universitäten und weitere Auftraggeber die Welt unter Wasser. Im Interview erzählt er, was hinter seinen Projekten und Engagement steckt und welche Verbindungen es zur Bürgerforschung gibt.

Herr Huber, wie sind Sie zur Unterwasserarchäologie gekommen und was fasziniert Sie daran?

Ich tauche seit ich 13 Jahre alt bin. Gegen Ende meiner Schulzeit habe ich mich dann entschieden, Archäologie zu studieren. Zunächst in meiner Heimatstadt München, danach ging es nach Umeå, Schweden und anschließend nach Kiel, wo ich mich auf Unterwasserarchäologie spezialisierte, in diesem Bereich promovierte und auch als Dozent tätig war. Das Meer ist das größte Museum der Welt. Laut UNESCO liegen dort rund drei Millionen Wracks und versunkene Siedlungen. Und letztendlich weiß die Menschheit mehr über den Mond als über die Tiefen des Meeresgrundes. All das macht die Unterwasserarchäologie für mich zu einer extrem spannenden wissenschaftlichen Disziplin, die viel über die Geschichte des Menschen und seine Beziehungen zum Wasser zu erzählen weiß. Außerdem erhalten sich vor allem organische Funde besonders gut im Wasser, da sie dort abgeschlossen von Luftsauerstoff liegen.    

Worum geht es in Ihrer aktuellen Forschung?

Derzeit untersuche ich deutsche Schiffswracks aus dem Ersten Weltkrieg rund um die Insel Helgoland, die dort mehr oder weniger vergessen in der Nordsee liegen. Gerade Wracks aus Stahl und Eisen zerfallen recht schnell, deshalb ist es wichtig, sie jetzt zu dokumentieren. So können wir mehr über den Schlachtverlauf, die letzten Stunden an Bord sowie über den Seekrieg im Allgemeinen erfahren. Dazu arbeite ich auch mit Marinehistorikern zusammen.
Diesen Sommer geht es aber auch nach Mallorca, wo wir geflutete Höhlensysteme untersuchen werden. Auch dort findet sich reichhaltiges Fundmaterial aus der Zeit der ersten Siedler, der Römer, Griechen und aus dem Mittelalter. Im Prinzip wollen wir wissen, wer diese Höhlen wann und wieso bewohnt oder sie als Lagerstätten genutzt hat.

Aus dem Nähkästchen geplaudert: Was war ihre bisher schönste oder spannendste Entdeckung unter Wasser?

Also ich finde es immer spannend, neue Wracks zu suchen und zu finden. Vor allem wenn ich eine Fundstelle das erste Mal betauche, stelle ich mir natürlich sofort die Frage, wo das Schiff wohl herkam, wo es hinwollte, warum es gesunken ist und was es geladen hatte? In einer steinzeitlichen Siedlung in der Ostsee habe ich vor einigen Jahren einen Aalstecher aus Knochen gefunden, ein perfektes Fischfanggerät, das über Jahrtausende nicht verändert und bis ins 20. Jahrhundert verwendet wurde. Aber oft sind es auch die kleinen Funde, die faszinierend sind. Im Hafen von Neustadt in Ostholstein fanden wir eine kleine Paternosterperle aus Kirschkern. Das nur einen  Zentimeter kleine Stück wurde als Teil eines Rosenkranzes getragen und zeigt auf der einen Seite einen Mann und eine Frau, auf der anderen ein Herz mit Pfeil und darüber eine Krone. Handwerkskunst vom Feinsten. 

Seit 10 Jahren schulen Sie Sporttaucher*innen, um Sie für das kulturelle Erbe unter Wasser zu sensibilisieren. Welche Vorteile aber auch Herausforderungen sehen Sie bei der Einbindung von freien Forscher*innen als echte Mitforscher*innen in einen gemeinsamen Forschungsprozess? 

Neben professionellen Unterwasserarchäologen sind es in erster Linie Sporttaucher, die mit oftmals extrem gut erhaltenen Unterwasser-Fundstellen in Berührung kommen. Vielfach sind sie es auch, die neue und wichtige Entdeckungen machen, da sie weltweit abtauchen und mittlerweile auch in Tiefen jenseits der 100-Meter-Marke vordringen können — einer immer besser werdenden Technik wie Kreislaufgeräten sei Dank. Genau aus diesem Grund ist es so wichtig, Sporttaucher für unser kulturelles Erbe unter Wasser zu sensibilisieren. Sie müssen wissen, wie sie mit Funden umzugehen haben und wie die Gesetzeslage ist — schlichtweg was erlaubt und was verboten ist. Durch die Kurse  können wir die Teilnehmer nicht nur auf die sensible Thematik hinweisen, sondern auch die Faszination und Akzeptanz für Wissenschaft, Archäologie und Geschichte fördern. Jeder einzelne Teilnehmer wird sowohl die Arbeit der (Unterwasser-) Archäologen, den Denkmalschutzgedanken als auch ein altes Schiffswrack bei seinen nächsten Tauchgängen mit völlig anderen Augen sehen. Erst vergangenes Jahr habe ich zusammen mit einer Gruppe Sporttaucher einen britischen Lancaster-Bomber im Walchensee südlich von München untersucht. Herausgekommen ist ein spannender Arbeitsbericht mit satten 150 Seiten. 
Doch leider gibt es aber immer noch viele schwarze Schafe, die Wracks plündern, um sich damit zu brüsten oder die Artefakte zu Geld machen. Damit sind sie für die Wissenschaft und somit für uns alle für immer verloren. Und es muss klar sein, dass Sporttaucher nur bis zu einem gewissen Grad eingesetzt werden können. Zum Einen aus versicherungstechnischen Gründen und zum anderen aus fachlichen Gründen. Ein Sporttauchschein ersetzt kein sechs Jahre langes Studium.
In Schweden wird beispielsweise seit einigen Jahren das Wrack der Mars, gesunken 1564, untersucht. Dazu kommen technische Taucher, die in der Lage sind, in 80 Meter Wassertiefe zu arbeiten, aus der ganzen Welt nach Schweden, um unter Anleitung der Wissenschaftler am Wrack zu arbeiten, um spezielle Fragestellungen wie z.B.  zur Schiffskonstruktion zu beantworten. Dabei nehmen sie Proben, machen Fotos und Videos oder berichten ganz einfach von dem, was sie an der Fundstelle beobachtet haben.   

Um an den Tauchgängen teilzunehmen, müssen die Teilnehmer*innen besondere Voraussetzungen mitbringen und entsprechend geschult werden. Wie passt das aus Ihrer Sicht zu Citizen Science und was müssen die Mitforschenden unbedingt an Fähigkeiten mitbringen? 

Klar, wer unter Wasser mitforschen möchte, braucht einen gültigen Tauchschein und in der Regel eine eigene Tauchausrüstung. Wichtig sind mir darüber hinaus vor allem ein Interesse an Archäologie und Geschichte sowie Teamfähigkeit. Für Einzelkämpfer und Selbstdarsteller ist da kein Platz. Grundlagen der Unterwasserarchäologie lernen die Teilnehmer in einem dreitägigen Seminar. Der Aufbaukurs dauert dann fünf Tage und erfordert darüber hinaus einen Abschlussbericht.
In erster Linie finden Sporttaucher neue archäologische Fundstellen, die für die Wissenschaft von großem Wert sind. Sporttaucher können aber auch bei dem sogenannten „Monitoring“ eingesetzt werden. Dabei wird eine Fundstelle regelmäßig betaucht, um etwaige Veränderungen frühzeitig  zu erkennen und darauf reagieren zu können. 
Im Prinzip werden Taucher derzeit also in erster Linie aufgrund ihrer taucherischen Fähigkeiten eingesetzt. Auswertung, Interpretation sowie die wissenschaftliche Veröffentlichung liegen dann in der Regel bei den jeweiligen Wissenschaftlern.    

Gibt es weitere Projekte, wie sich Bürger*innen engagieren können?

Neben der Unterwasserarchäologie kann man sich auch im Bereich der (biologischen) Meeresforschung engagieren. Fischbestände zählen, Korallen wieder ansiedeln, Sichtweiten und Wasser messen, Plastik einsammeln und vieles mehr. Die amerikanische Tauchsportorganisation GUE hat beispielsweise „Project Baseline“ ins Leben gerufen. Dort kann quasi jeder weltweit sein eigenes kleines Projekt im heimischen See starten. Wobei ich dabei immer empfehlen würde, eine*n Wissenschaftler*in mit ins Boot zu holen, der das Projekt entsprechend betreut.    

Was wünschen Sie sich für Ihre Forschung und die Unterwasserarchäologie in der Zukunft?

Unterwasserarchäologie ist ein absolut faszinierendes Feld, über das bislang zu wenige Menschen Bescheid wissen. Ich wünsche mir daher mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit, mehr Akzeptanz bei den Tauchern und natürlich wie immer in der Wissenschaft mehr Geld, um entsprechende Projekte durchführen und unsere kulturelles Erbe unter Wasser schützen zu können.   

Florence Mühlenbein

Projektmanagerin und Online-Redakteurin. Florence betreut die Plattform, kümmert sich um die Social-Media-Kanäle und berät Projekte im Bereich Wissenschaftskommunikation.

Schreiben Sie uns einen Kommentar

Ich bin damit einverstanden, dass mein Nutzername (ein Pseudonym ist möglich) und meine Email-Adresse gespeichert werden. Die Email-Adresse wird nicht veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.