Die Zukunft der Bürgerforschung! – Eindrücke vom Forum Citizen Science 2019

31. Oktober 2019 von Wiebke Brink
©Wessendorf AFO WWU
©Wessendorf AFO WWU

Wie sieht die Zukunft der Bürgerforschung aus? Um diese Frage ging es beim 4. Forum Citizen Science in Münster. Und die kurze Antwort lautet: Es gibt eine - wie diese aber genau aussieht, wird derzeit noch ausgehandelt! 

Die lange Antwort ist natürlich, wie immer, differenzierter. Sie setzt sich aus den vielen Eindrücken aus den verschiedenen Sessions und den Keynotes zusammen. Was alle verbindet, ist, nach wie vor, dass der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Gesellschaft, der Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern an und in Forschungsprozessen ein großes Potential zugeschrieben wird, und der Wunsch da ist, diese Zusammenarbeit fortzuführen und zu stärken. 

Mehr Beteiligung: ja, Transformation: nein!
Dass Citizen Science aber keine Transformation der Forschungskultur bewirkt, zumindest derzeit nicht, dafür findet Sabine Maasen von der TU München in ihrer Keynote sehr klare Worte. Sie ordnet Bürgerforschung ein in eine Reihe von forschungspolitischen „Überbietungsprogrammen”, die in den letzten Jahrzehnten - angefangen bei der Technikfolgenabschätzung bis zu Responsible Research and Innovation - aufgesetzt worden seien, um sich, überspitzt gesagt, der Relevanz von Forschung zu vergewissern. Mit den Programmen ginge ein Versprechen an die Gesellschaft einher, nämlich das von mehr öffentlicher Teilhabe an Wissenschaft. Entweder durch mehr öffentliche Kommunikation oder durch mehr Transparenz und einer größeren Zugänglichkeit von Wissenschaft. Kritisch reflektiert sie in diesem Kontext die Erwartungen an Citizen Science, nicht nur ein Add-on zur Wissenschaftskommunikation zu sein, sondern gleich die ganze Forschungskultur mit zu verändern. Wenn man die Wirkung von Citizen Science betrachte, dann komme es in der Praxis aber sogar eher zu einer Restabilisierung der Wissenschaft, weil Strukturen reproduziert werden würden. Als Beispiel nennt sie die Qualitätskriterien von Österreich forscht, die das „Wie man als Wissenschaftler wissenschaftlich arbeitet” nahezu eins zu eins auf die Bürgerforschung übertragen. In vielen Projekten seien zudem die Beteiligungsmöglichkeiten in einem top-down festgelegten Rahmen vorgegeben und eingeschränkt. Das heißt, es gibt zwar definitiv ein mehr an Beteiligung durch Bürgerforschung, aber die Strukturen der Wissensproduktion änderten sich nicht, so dass man nicht von einer transformativen Kraft sprechen könne. Allerdings, so sagt sie, hieße das nicht, dass sich nichts tut, und auch nicht, dass hier das letzte Wort schon gesprochen sei. Vielmehr sehe sie, dass sich die Bürgerforschung derzeit noch in einem Aushandlungsprozess über ihre eigene Rolle und Position befinde. Und im Gesamtkontext könne man Citizen Science selbst als eine soziale Innovation im Sinne einer erweiterten Wissensproduktion betrachten. Und ganz unbedingt erhöhe Bürgerforschung die Reflexivität der Wissenschaft für sich selbst in Bezug auf Form und Folgen der eigenen Innovationsfähigkeit. 

Kluge Symbiose aus Rahmenbedingungen und Freiraum notwendig
Dass es noch einige Baustellen gibt, um das volle Potenzial entfalten zu können, das betont auch Matthias Graf von Kielmansegg, Abteilungsleiter im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) in seinem Impulsvortrag. Und erklärt, warum sich die Forschungspolitik in das Feld der Bürgerwissenschaften einmische: Er sieht Citizen Science als Ausdruck eines gesellschaftlichen Wandels, weg von der unidirektionalen Kommunikation der Wissenschaft in die Gesellschaft. Das BMBF sei zudem überzeugt davon, dass mit Bürgerforschung gute Forschung gemacht werde und dass das Wissen der Vielen sehr bereichernd sei. Es gebe durchaus Bereiche, in denen durch die Zusammenarbeit das Innovationspotential steige und der Forschungsprozess teilweise beschleunigt werden könne, zum Beispiel in den Gesundheitswissenschaften wie bei Patient Science. Außerdem leiste Citizen Science einen wichtigen Beitrag zur Wissenschaftskommunikation, weil es Wissenschaftsmündigkeit fördere und eine starke Multiplikatorenwirkung habe: Jeder einzelne, der in einem Projekt mitmache, wirke als Multiplikator in seinem eigenen Umfeld. Und um diese vielversprechenden Entwicklungen zu fördern, brauche es eine kluge Symbiose aus politischen Rahmenbedingungen und Freiraum. Konkret heißt das: Das BMBF fördert die Weiterentwicklung von Citizen Science über die Vernetzungsaktivitäten der Plattform Bürger schaffen Wissen als auch über die aktuelle und kommende Förderlinie für Bürgerforschungsprojekte

Wissenschaftlichkeit als Grundwert
Sowohl die Grenzen als auch das Potential beschreibt auch Prorektor für Internationales und Transfer Michael Quante der Universität Münster in seiner Keynote, in der er das Zusammenspiel zwischen Demokratie und Wissenschaft im Allgemeinen reflektiert. Dabei betont auch er, dass durch die Öffnung der Wissenschaft über Beteiligung ganz unbedingt eine höhere Reflexivität nicht nur passiert, sondern auch erforderlich ist, um Konflikte zu erkennen und mit diesen umzugehen. Dazu können Rollenkonflikte zählen, ebenso wie Zielkonflikte, also Fragen wie „Wie viel Forschung mache ich, weil es Geld gibt, wie viel, weil es wichtige Fragen sind?” Für ihn bedeutet Wissenschaftlichkeit aber noch viel mehr als die Bearbeitung von wissenschaftlichen Fragen, es sei vielmehr eine Haltung, ein Grundwert im Sinne von: selbst denken, selbst handeln, und vor allem: Verantwortung übernehmen. 

„Wenn Dinge kurz vor dem Verschwinden stehen, dann werden sie wichtig”
Um Verantwortung, für unsere Geschichte als auch für unsere Zukunft, ging es dann auch in den folgenden beiden Sessions: 

Im Projekt „Getrenntes Bewahren, gemeinsame Verantwortung” geht es um das Erbe der Steinkohleförderung im Ruhrgebiet. 2018 wurde dort die letzte Zeche geschlossen. Das Deutsche Bergbaumuseum Bochum begann bereits 2014 damit, die materiellen Hinterlassenschaften über die eigene Sammlung hinaus systematisch zu erfassen: Viele von den Objekten waren oder sind nämlich Teil von privaten Sammlungen oder Sammlungen von Bergbauvereinen, in denen die Arbeiter organisiert waren. Im Gespräch zwischen Abteilungsleiter Michael Farrenkopf am Bergbaumuseum und Manfred Reiss von der Fördergemeinschaft für Bergmannstradition – Linker Niederrhein e.V. wurde deutlich, wie unterschiedlich dabei die einzelnen Objekte und ihr Kontext aus der jeweiligen Perspektive bewertet werden und welche Bedeutung diese haben. Viel Reibungsfläche, aber auch Potential, weil durch den Austausch darüber neues Wissen für beide Seiten entsteht: Die Lampe eines bestimmten Modells gibt es in der musealen Sammlung so beispielsweise nur einmal, die gleiche Lampe gibt es in der Sammlung eines Bergbauvereins hingegen fünfmal, weil die eine Lampe „dem Jupp” gehörte und die andere „dem Kalle” usw. und so hinter jeder Lampe eine persönliche Geschichte steckt. Und so verzahnen sich Technik- bzw. Industriegeschichte und Objektgeschichten und Detailwissen in diesem Projekt zu einem umfassenden Erinnerungsarchiv. Thematisiert wurden aber auch aktuelle Herausforderungen in dieser Arbeit: So fehlt nämlich der Nachwuchs für die Vereinsarbeit und eine Antwort auf die damit verbundene Frage: Wer führt weiter, was wir begonnen haben? – ein Thema, das auch viele andere traditionelle (forschende) Vereine beschäftigt. Ein Vorschlag aus dem Publikum war dazu, über neue Formate und Beteiligungsmöglichkeiten nachzudenken, wie beispielsweise Hackathons, die auf anderen Wegen erstmal Zugänge zum Thema schaffen können. Eine weitere Herausforderung für solche Sammlungen ist der Zeitdruck: Da viele Objekte aus früheren Jahren stammen und die Zeitzeugen weniger werden, gehe es darum, noch möglichst viel an Detail- und Erfahrungswissen einzusammeln. Wenn Dinge kurz vor dem Verschwinden stehen, dann werden sie wichtig, fasste der Technikhistoriker Torsten Meyer das Dilemma zusammen.

Wie das lokale Erfahrungswissen dazu beiträgt, ein Bild von globalen Zusammenhängen zu zeichnen, das zeigt auch das Projekt KlimNet, das sich als Netzwerk für Klimalandschaften versteht. Im Fokus stehen dabei das übergeordnete Thema Klimaresilienz und die Fragen: Wo wird der Klimawandel starken Einfluss haben und mit welchen Maßnahmen können wir die Wirkungen mildern? In dem Projekt geht es darum, sogenannte „Klima-Hotspots” im städtischen Raum zu erfassen. In zwei Pilotstädten werden dazu Satellitenbilder der letzten vierzig Jahre in 30x30 Meter-Pixeln grob kategorisiert. Die kleinteilige Erfassung des aktuellen Grads der Versiegelung, Art des Bewuchs oder der Bebauung in diesen einzelnen Flächenquadraten wird von Bürgerinnen und Bürgern geleistet. Neben der Erfassung können auch Vorschläge und Ideen zur Milderung der „Hotspots” eingebracht werden. Das Projektteam arbeitet dabei eng mit den Klimaschutzbeauftragten der Kommunen zusammen. Im Projekt verbinden sich dabei zwei Ziele: Erstens über die konkrete lokale Bestandsaufnahme die Klimaresilienz der jeweiligen Stadt zu erfassen und zu verbessern, und zweitens über die Mitarbeit ein Bewusstsein für die lokale Wirkung eines globalen Phänomens zu schaffen und Handlungsoptionen aufzuzeigen. 

Diese Beispiele zeigen Wege der Bürgerwissenschaften in die Zukunft: in den konkreten Beiträgen auf lokaler Ebene, in der Bereitschaft sich auf Augenhöhe zu begegnen und in der konkreten Zusammenarbeit an (gesellschaftlich) relevanten Themen. Ob und wie das darin enthaltene Innovationspotenzial über die lokalen und inhaltlichen Zusammenhänge hinaus auch eine transformative Wirkung entfaltet - das bleibt eine wichtige Frage für die Zukunft. 
 

Wiebke Brink

Wiebke Brink ist Projektleiterin von Bürger schaffen Wissen und arbeitet in der Online-Kommunikation bei Wissenschaft im Dialog.

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