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#FactoryWisskomm: 6 Fragen an Suanne Hecker und Philipp Schrögel von der AG Partizipation

23. Juni 2021 von Florence Mühlenbein

Auf Einladung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung diskutieren seit Herbst 2020 Akteur*innen aus Wissenschaft und Kommunikation in der #FactoryWisskomm gemeinsam über die Zukunft der Wissenschaftskommunikation. Am 23. Juni 2021 wird der finale Bericht mit Handlungsempfehlungen an die Politik veröffentlicht. Ein wichtiger Schwerpunkt in diesem Strategieprozess lag dabei auf dem Themenfeld der Partizipation. Ein Gespräch mit Susanne Hecker (MfN Berlin) und Philipp Schrögel (Universität Heidelberg) von der Arbeitsgruppe Partizipation über die Arbeit und Ergebnisse des Strategieprozesses und die Rolle von Citizen Science. 

Blicken wir zurück auf Herbst 2020: Wer hat sich in eurer AG zusammengefunden? Was waren eure ersten Schritte und vielleicht auch schon ersten Erkenntnisse? 

Susanne Hecker: Unsere AG ist ziemlich heterogen zusammengesetzt, was Themenschwerpunkte und auch Orte angeht. Da gibt es Partizipation in der Bildung, an Museen oder in Forschungsprojekten, also thematisch die Anknüpfung an Citizen Science und Open Science. Wir haben zunächst einmal versucht, dieses Vielfalt abzubilden im wörtlichen Sinne und haben eine „Map of participation“ erstellt und unser Verständnis von Partizipation miteinander abgeglichen. Wichtig für uns war von Anfang an, dass Partizipation als Teil der Wissenschaftskommunikation gesehen wird – gerade weil für viele Menschen Wissenschaftskommunikation noch immer das Mitteilen von Erkenntnissen aus der Wissenschaft in die nicht näher definierte Öffentlichkeit bedeutet.

Wie ging es dann weiter? Wie habt ihr eure Themenschwerpunkte gesetzt?  

Philipp Schrögel: Vielleicht etwas abweichend von anderen Themenfeldern war es für uns eher anders herum vornehmlich die Herausforderung – wie von Susanne schon angesprochen – bestehende Schwerpunkte, Partizipationsverständnisse und -perspektiven zusammenzuführen anstatt in Schwerpunkte weiter auszudifferenzieren. Denn trotz unterschiedlicher Begrifflichkeiten bestehen ja viele Gemeinsamkeiten und entsprechend relevante Wissensbestände. Ein nicht zu unterschätzendes Ergebnis unserer Arbeit in der AG ist daher die Formulierung einer Typologie von drei grundlegende Formen der Partizipation in der Wissenschaft, aufbauend auf bestehenden Modellen: Partizipation in Bezug auf Ziele, Agenda, Governance, Rahmenbedingungen von Forschung (z.B. Bürger*innen-Dialoge, Konsensuskonferenzen, Konsultationen, Beteiligung von Stakeholder:innen in entsprechenden Gremien), Partizipation als direkte Beteiligung an Forschung (z.B. Citizen Science, Open Science) und Partizipation im Sinne von Erleben, Mitmachen, Mitdiskutieren als wechselseitiges Lernerlebnis für alle Beteiligten (z. B. in Science-Centern, Schüler*innen-Labore).  

Stichwort Bürger*innenbeteiligung: Wie wurde die Rolle von Citizen Science in der Wissenschaftskommunikation diskutiert? 

Susanne Hecker: In der AG Partizipation stand völlig außer Frage, dass Citizen Science als partizipativer Ansatz auch Teil der Wissenschaftskommunikation ist – wenn man den Begriff in seiner Bedeutung breit auffasst. Interessant wurde es in den Diskussionen zum Einleitungstext. Da ging es ja darum, dass alle hinter dem Text stehen können. Da haben wir mitunter um jedes Wort gekämpft, das diese Öffnung des Verständnisses von Wissenschaftskommunikation ausdrückt.

Philipp Schrögel: Ein wichtiger Punkt dabei war, dass trotz der wertvollen gemeinsamen Betrachtung verschiedener Ansätze für partizipative Wissenschaftskommunikation, wie oben beschrieben, die jeweiligen Formen einen spezifischen Fokus haben. Bei Citizen Science ist dies die direkte Beteiligung an Forschung. Insofern sollten also Citizen-Science-Projekte nicht als reine Kommunikationsprojekte verstanden werden, die wie beispielsweise eine  Plakatkampagne aufgesetzt werden. Natürlich haben sie eine kommunikative Wirkung (und beispielsweise auch eine pädagogische Komponente, wenn sie mit und für Schüler*innen konzipiert werden), aber sie sollten auch einen relevanten Beitrag zur wissenschaftlichen Arbeit leisten aus meiner Sicht. 

Am Ende der gemeinsamen Arbeit stehen die heute veröffentlichten Handlungsempfehlungen, die in den jeweiligen Arbeitsgruppen formuliert wurden. An wen richten sich diese Handlungsempfehlungen und welche 3 Hauptforderungen stellt ihr aus der Perspektive der Partizipation auf? 

Philipp Schrögel: Es ist etwas schwierig, bei der oben schon beschriebenen Heterogenität des Themenfeldes, drei einzelne Maßnahmen herauszugreifen. Wobei es bei einer dann doch leicht fällt, sozusagen als übergreifende Klammer. Es muss es aus der Sicht unserer Arbeitsgruppe darum gehen, im Wissenschaftssystem einen Kulturwandel weiter voranzubringen: in der künftigen Wissenschaftskommunikation sollen neben informierenden auch partizipative Formate eine zentrale Rolle einnehmen im Sinne eines Public Engagements. Und das ist leichter gesagt als getan – um den ersten Teil der Frage aufzugreifen: daran müssen auch alle Akteur*innen mitwirken, von Change-Prozessen in den Wissenschaftsorganisationen und entsprechenden strategischen Ausrichtungen dort, über langfristige Förderung und Unterstützung durch Stiftungen und Politik bis zur Professionalisierung und Weiterbildungen für Kommunikator*innen und Wissenschaftler*innen. Daneben möchte ich noch auf einen weiteren eher übergreifenden Aspekt hinweisen, der mir auch persönlich sehr wichtig ist: auch partizipative Wissenschaftskommunikation ist nicht automatisch zugänglich und inklusiv. Unsere Arbeitsgruppe spricht sich dafür aus, dass insbesondere Formate vorangebracht und unterstützt werden sollten, die bewusst Menschen jeder sozialen und kulturellen Herkunft einbinden.

Was können die Akteur*innen der Citizen-Science-Community aus eurer Sicht zur Umsetzung beitragen? Was ist jetzt gefordert?

Susanne Hecker: Die Citizen-Science-Community steht ähnlich wie die Wissenschaftskommunikationscommunity in der Pflicht, ihren Impact zu zeigen. Also, was bringt es konkret, wenn ich in eine solche Art der Partizipation gehe? Und zwar für die Wissenschaft, für die Gesellschaft und für Politik. Citizen Science bietet die Chance, verschiedene Akteur*innen zusammenzubringen, einander zuzuhören und von- und miteinander zu lernen. Und das sollte wie alle partizipativen Angebote auch solche Menschen einschließen, die sonst weniger Berührung mit Wissenschaft haben, aber vielleicht Interesse.

Philipp Schrögel: Aus meiner Sicht besteht eine große Chance darin, Citizen Science breiter in einem Open Science Kontext zu denken und – wie wir auch in der Arbeitsgruppe formuliert haben – die Formate und Ansätze in Experimentier- und Dialogräumen weiterentwickelt werden. Also beispielsweise mehr freiere Kollaborationsformen, die aus Grassroots-Bewegungen initiiert werden an Stelle inhaltlich und zeitlich abgegrenzter, aus der Wissenschaft heraus initiierter Projekte. Da passiert im Moment schon einiges, und ich bin gespannt was sich noch entwickeln wird.

Zum Schluss: Was nehmt ihr jeweils aus der AG-Arbeit für euch mit?

Philipp Schrögel: Für mich war es sehr spannend, die verschiedenen transdisziplinären Zugänge, akademischen und praktischen Traditionen und Definitionen von Partizipation in einer Arbeitsgruppe zusammenzubringen und auf ein gemeinsames Verständnis hinzuarbeiten. Ich versuche das auch in meiner eigenen wissenschaftlichen Arbeit immer wieder, und fand die AG daher eine wunderbare Gelegenheit weiter daran zu arbeiten.

Susanne Hecker: Der Wille, hier gemeinsam in einem sehr straff zeitlich begrenzten Prozess zu einem guten Ergebnis zu kommen, sich auf verschiedenste Stimmen und Meinungen einzugehen, das fand ich sehr beeindruckend. Jetzt heißt es, die Perspektiven in die Tat umzusetzen. Ich bin gespannt, wo wir in zwei oder drei Jahren damit stehen.

Vielen Dank für die interessanten Einsichten und Ergebnisse eurer AG-Arbeit. Am 23. Juni stellte die Factory Wisskomm ihre Ergebnisse in einem Live-Stream vor.

Florence Mühlenbein

Projektmanagerin und Online-Redakteurin. Florence betreut die Plattform, kümmert sich um die Social-Media-Kanäle und berät Projekte im Bereich Wissenschaftskommunikation.

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