„Mitgeforscht“ im Münsterland: Von der Natur inspirieren lassen

08. Juli 2019 von Yannick Brenz
Adina Voicu / Pixabay
Adina Voicu / Pixabay

Frau Lückener, „Ostbevern – Bioinspirativ“, das klingt ja ungewöhnlich. Was bedeutet das und was finden Sie daran spannend?

Anfangs wusste ich überhaupt nicht, was das bedeutet: „Ostbevern – Bioinspirativ“. Jetzt ist das für mich klarer. Ich verstehe darunter, dass man sich von der Natur inspirieren lässt und daraus bestimmte Ableitungen findet. Man kennt beispielsweise die Bionik mit dem Abperleffekt bei Autos. Dieses Projekt hat einen anderen Schwerpunkt. Es geht darum: Was hat die Natur zu bieten? Wie kann sie einen inspirieren? Und wie kann man daraus Ideen entwickeln? Besonders spannend finde ich an dem Projekt die Schnittstellen zwischen Kunst und Wissenschaft. Am Beispiel des „Bionarrativs Mutterkorn” lerne ich neue wissenschaftliche Hintergründe und kreative Herangehensweisen kennen.

Was genau ist denn dieses „Bionarrativ Mutterkorn“?

Ein Bionarrativ ist etwas, das eine Geschichte erzählt und von der Biologie oder der Natur inspiriert ist. Das „Bionarrativ Mutterkorn“ erzählt viele Geschichten, und wir werden einen Workshop dazu machen. Die Idee ist, im Sommer zu einem Roggenfeld zu gehen und zu schauen, ob es dort Mutterkorn gibt. Das Mutterkorn entwickelt sich meistens Mitte Juli, bei feuchtem und sehr heißem Wetter. Den verschiedenen Teilnehmer*innen des Workshops von der Uni Münster und aus Ostbevern werden wir zuerst einige Hintergründe zum Thema Mutterkorn erzählen. Das sind landwirtschaftliche, geschichtliche, und kunstgeschichtliche Hintergründe.  Dann werden wir praktisch arbeiten. Ein landwirtschaftlicher Hintergrund ist hier zum Beispiel die Brothierarchie. Die Bauern haben damals eher Roggen gegessen und die Adeligen den Weizen. Deswegen gab es Mutterkorn-Vergiftungen vermehrt unter Bauern. Ein kunsthistorischer Hintergrund ist zum Beispiel der Isenheimer Altar, ein Werk von Matthias Grunewald. Er hat die Vergiftung der Bauern gemalt, die durch Verkrampfungen und Verkrümmungen dargestellt wurden.

Wie kam es dazu, dass Sie bei dem Projekt mitgemacht haben?

Herr Dr. Bauhus von der Uni Münster, Arbeitsstelle Forschungstransfer, hat mich angerufen, und gefragt, ob ich bei dem Projekt „Ostbevern – Bioinsprativ“ mitmachen möchte. Er suchte nach einer Künstler*in, die auch mit Scherenschnitten arbeitet. Ihm kam die Idee nach dem Besuch einer Hans Christian Andersen-Ausstellung, in der Natur inspirierte Scherenschnitte ausgestellt waren. Im Projekt sollen sich „Kunst und Wissenschaft“ begegnen. Herr Dr. Bauhus hat mir von verschiedenen Bionarrativen erzählt, die er sich für eine Zusammenarbeit vorstellen konnte. Als er vom Mutterkorn erzählte, kamen mir direkt Ideen. Daraus haben wir den Workshop „Schattenkrampf“ entwickelt. Die Idee hat sich aus meiner künstlerischen Arbeit entwickelt. Ich arbeite mit Scherenschnitten und Verzerrungen. Wir wollen in dem Workshop die Verkrümmungen dieser Mutterkorn-Vergiftung körperlich nachstellen und daraus verzerrte Schattenformen entwickeln. Das Ganze nennen wir dann „Schattenkrampf“.

Wie arbeiten Sie mit den Teilnehmenden beim Workshop zusammen?

Bei dem Workshop rechnen wir mit ca. 20 Teilnehmer*innen, Studierende von der Uni Münster und Bürger*innen aus Ostbevern. Wir werden mit Overhead-Projektoren unsere Schatten projizieren und diese auf Papier zeichnen. Wenn eine gute Form entstanden ist, die den Schattenkrampf wirklich darstellt, werden wir sie aus Filz ausschneiden. Später werden diese Formen digitalisiert und aus wetterfestem Kunststoff geschnitten für eine Ausstellung. Der Workshop wird filmisch dokumentiert. Ein Katalog mit den Workshop-Ergebnissen und Begleittexten ist außerdem geplant. Dieser wird voraussichtlich zum 03.10.2020 erscheinen.

Können Sie uns beispielhaft den Ablauf des letzten Arbeitstreffens bei „Ostbevern – Bioinspirativ“ beschreiben?

Das letzte Treffen war in der Jäckering Mühle in Hamm. Wir trafen uns mit dem Geschäftsführer, Michael Andreae-Jäckering und zwei Mitarbeitern aus dem chemischen Arbeitsbereich. Ziel war es, Herrn Jäckering um einen Katalogbeitrag zum Thema Mutterkorn zu bitten. Herr Dr. Bauhus, Frau Wobido und ich stellten zuerst unsere Ideen und das Gesamtprojekt vor. Dann erzählten wir von unserem geplanten Workshop zum Thema Mutterkorn. Wir wünschten uns einen Katalogbeitrag über das Phänomen Mutterkorn aus der Sicht des Müllers, aus der Sicht der Landwirtschaft. Wir wollten wissen: Wie ist das heute mit dem Mutterkorn? Gibt es da Probleme? Was gibt es zu beachten? Wie kann man einer Pilzvergiftung heute vorbeugen?

Herr Jäckering hat einem Beitrag zum Katalog zugestimmt. Der anwesende Diplom-Chemiker informierte uns über das aktuelle Vorkommen von Mutterkorn im Roggen.  Es käme vor, aber erst ab einer bestimmten Menge sei dies ein gesundheitliches Risiko. Anschließend haben wir eine ausführliche und beeindruckende Führung durch die Mühle über mehrere Etagen bekommen. Es ist ein weiteres Treffen mit Herr Jäckering ausgemacht worden, bei dem wir die Uni und den Botanischen Garten besuchen und seinen Katalogbeitrag besprechen werden.

Verändert so ein Projekt ihren Blick – auf die Region, auf ihre Fähigkeiten, auf die Wissenschaft?

Ja, das Projekt verändert in mehrfacher Form meinen Blick. Einerseits ist mein Blick auf die Natur erweitert worden. Andererseits habe ich Lust bekommen, mich für meine künstlerische Arbeit mehr mit wissenschaftlichen Hintergründen zu beschäftigen. Zudem inspiriert mich das Projekt, zukünftig weitere Projekte zu der Schnittstelle von Wissenschaft und Kunst zu planen.

Sie haben Lust mehr darüber zu erfahren? Auf dem Forum Citizen Science vom 26. bis 27. September 2019 in Münster wird das Thema „Bioinspirierte Narrative zwischen Wissenschaft und Kunst“ mit einem Workshop vertreten sein. Hier geht’s zum Programm und zur Anmeldung.

 

Yannick Brenz

Der Biologe ist seit Februar 2019 Volontär bei Wissenschaft im Dialog. Dort unterstützt er unter anderem das Projekt Bürger schaffen Wissen.

Schreiben Sie uns einen Kommentar