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Buerger schaffen Wissen

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Nachgeforscht bei Marcus Plaul und René Smolarski von "Kino in der DDR"

09. März 2021 von Ly Le

Im Jahr 1988 zählte die "Hauptverwaltung Film" der DDR über 900 Kinos mit täglich mehr als 2.200 Aufführungen und rund 190.000 Besucher*innen. Doch trotz dieser beachtlichen Daten ist bis heute nur sehr wenig darüber bekannt, welche Rolle das Kino im Alltagsleben der Menschen in der DDR spielte. An diesem Punkt setzt das Forschungsprojekt "Kino in der DDR" an, in dem gemeinsam mit Zeitzeug*innen eine Alltagsgeschichte des DDR-Kinos erarbeitet werden soll. Wir haben mit Marcus Plaul und Dr. René Smolarski von der Universität Erfurt gesprochen: 

Wie sind Sie auf die Idee für das Projekt gekommen?

René Smolarski: Das beantragte Projekt "Aufbau einer projektübergreifenden Citizen Science Plattform für die Universität Erfurt" war sozusagen der Auslöser und wir haben uns gefragt: Welches Projekt würde sich dafür gut eignen? Auf das Kino in der DDR gekommen sind wir dadurch, dass die interdisziplinäre Forschungsstelle für historische Medien an der Uni Erfurt seit einigen Jahren einen sehr umfangreichen Bestand an Kinomaterial hat. Das sind etwas über 150.000 Einheiten an Plakaten, Fotos, Dias, Programmheften und allem Möglichen. Wenn man eine Alltagsgeschichte des Kinos schreiben möchte, sind diese Quellen aber so nicht ausreichend. Wir brauchen noch die Erfahrungen der Zeitzeug*innen. Und so hatte es sich ergeben, dass wir gesagt haben: „Dann bauen wir eine Plattform, wo sich möglichst viele interessierte Bürger*innen einbringen können.”

Warum ist die Einbeziehung der Bürger*innen in Ihrem Projekt so wichtig?

René Smolarski: Warum das wirklich so wichtig ist, liegt vor allem an der Quellenzugänglichkeit. Bestimmte Quellen haben wir einfach nicht; die sind in privater Hand. Und Zeitzeug*innen-Interviews sowie Erfahrungsberichte, das sind Sachen, die es bisher kaum zum Thema gibt. Bislang ist Kinogeschichte vor allem nur Filmgeschichte. Einzelne Filme spielen eine Rolle, aber auch die Aufführungspraxis vor Ort und verschiedene Fragen der Fankultur - zum Beispiel: Wie ist man mit berühmten Schauspieler*innen oder mit den Verbotsfilmen umgegangen? Das können wir auf der Grundlage der bisherigen Quellen nicht beantworten. Das Schöne an bürgerwissenschaftlichen Projekten ist ja, dass man einerseits neue Quellen bekommt, und man andererseits auf Ideen kommt, auf die man, wenn man nur diesen universitären Blick hat, vielleicht gar nicht gekommen wäre oder vernachlässigt hätte.

Dreh- und Angelpunkt des Projekts “Kino in der DDR” ist die von Ihnen erwähnte virtuelle Forschungsumgebung. Das Projekt richtet sich jedoch größtenteils an Zeitzeug*innen der DDR. Wie schaffen Sie es, alle Zielgruppen digital anzusprechen?

Marcus Plaul: Wir sind von Beginn an zweigleisig gefahren und haben sowohl auf digitale als auch auf analoge Kanäle der Wissenschaftskommunikation gesetzt. Bereits kurz nach Projektstart, also im Herbst 2019, sind wir mit einem Blog online gegangen und zusätzlich mit Auftritten bei Twitter und Facebook. Parallel dazu haben wir aber auch noch ganz klassische Kanäle bedient: So hatten wir eine große Auftaktveranstaltung in Erfurt organisiert, Flyer in Altenheimen und Programmkinos verteilt und mit der Hochschulkommunikation der Universität Erfurt zusammengearbeitet, um auch die Presse für unser Projekt zu sensibilisieren. Wir hatten außerdem einen Newsletter initiiert und zwei weitere Veranstaltungen durchgeführt - natürlich unter Berücksichtigung der Hygienemaßnahmen. Durch diese öffentlichkeitswirksamen Aktionen haben wir es auch hin und wieder mal in die Medien geschafft, sodass uns mittlerweile mehrere hundert Anfragen von Bürger*innen erreicht haben, die sich an unserem Projekt beteiligen möchten.

Gab es bereits Hindernisse oder Dinge, die Sie beim nächsten Mal anders machen würden?

René Smolarski: Das große Hindernis derzeit ist die COVID-19-Pandemie. Wir sind ein Projekt, das sich an ein Publikum richtet, welches eigentlich lieber analog mit uns in Verbindung treten würde. Und diese Plattform ist natürlich kühl. Da kann man nur alleine sitzen und eintragen, sodass es natürlich sehr schmerzlich ist, dass wir das jetzt nur sehr eingeschränkt machen können. Ein weiterer Punkt aber ist, dass wir die Anziehungskraft der digitalen Plattform etwas überschätzt haben. Es geht ja wirklich vor allem um das Gespräch. Und das ist mit der digitalen Plattform so nur eingeschränkt möglich.

Konnten Sie schon einen Blick auf einige Zeitzeug*innen-Einträge werfen? Falls ja, ist Ihnen da ein Eintrag besonders im Gedächtnis geblieben?

Marcus Plaul: Wir erhalten pro Woche mehrere Zuschriften und Berichte von Zeitzeug*innen in Form eines Kommentars auf unserer Plattform, per E-Mail, Telefon oder auch ganz klassisch auf dem Postweg. Unter diesen zahlreichen Einsendungen fällt es natürlich schwer, sich auf eine bestimmte Geschichte oder Erzählung zu beschränken. So gibt es z.B. einen Filmvorführer, der im Auftrag des DDR-Ministeriums für kulturelle Auslandsarbeit in der Ukraine tätig war, oder eine Schnittmeisterin, die an mehr als 200 Produktionen der DEFA-Trickfilmstudios mitwirkte. Ein Bericht ist mir aber besonders im Gedächtnis geblieben, und zwar der einer Kinoangestellten, die unter den Blicken von Stasi-Mitarbeitern telefonisch Reservierungen für den Film My Fair Lady entgegennahm. Dabei hatte die Stasi aktenkundig begleitet, wer Tickets für diesen Film reservierte. Gerade diese unterschiedlichen Perspektiven auf das DDR-Kino machen natürlich unsere Arbeit in dem Projekt so interessant.

Zu den populärsten Kinofilmen zählten vor allem Unterhaltungs-, Märchen- und Indianerfilme. Mal aus dem Nähkästchen geplaudert: Welcher Film ist Ihr Lieblingsfilm aus der DDR? 

René Smolarski: Von den DEFA-Produktionen ist mir jetzt besonders Spur der Steine mit Manfred Krug im Gedächtnis geblieben. Den kennen glaube ich alle. Und der Baulöwe mit Rolf Herricht. Das sind zwei Filme, die die Mangelwirtschaft in der DDR in unterschiedlicher Schärfe auf die Schippe nehmen, aber auf eine sehr amüsante und doch gleichzeitig kritische Weise. Beide Filme habe ich aber erst nach der Wiedervereinigung anschauen können, da ich zu DDR-Zeiten doch noch um einiges zu jung war und Spur der Steine ja auch zu den Verbotsfilmen gehört.

Marcus Plaul: Ich bin in der Nachwendezeit aufgewachsen. Und da sind mir natürlich die ganzen Märchenfilme in Erinnerung geblieben, die jetzt noch teilweise im Fernsehen laufen: Das kalte Herz, Drei Haselnüsse für Aschenbrödel oder auch Der kleine Muck. Dies sind ganz besondere Filme für mich, da sie damals wie heute generationenübergreifend geschaut werden.

Ihr schönster Citizen Scientist-Moment – wie war der? Was war der größte Erfolg der bisherigen gemeinsamen Forschung?

Marcus Plaul: Am Anfang des Projekts stellten wir uns natürlich schon die Frage, ob es uns überhaupt gelingen wird, unsere in großen Teilen analoge Community für den digitalen Ansatz unseres Projekts zu begeistern. Diese Zweifel lösten sich dann aber schnell auf, als sich unsere Plattform nach dem Start im Oktober 2020 Stück für Stück mit ersten Kommentaren und Eintragungen füllte. Das war ein großes Erfolgserlebnis für unser Team. Neben diesem digitalen Meilenstein suchen wir natürlich auch das persönliche Gespräch und den Austausch mit Bürger*innen, die sich an unserem Projekt beteiligen möchten. Auf unserer Auftaktveranstaltung hatten wir einen Kinoprojektor aus den 60er-Jahren mit einem alten 35mm-Dokumentarfilm über Erfurt bespielt. Da sind natürlich Erinnerungen hochgekommen – sowohl durch den Inhalt des Films als auch durch die einmalige Geräuschkulisse, die vom Klackern des Projektors geprägt war. Das hat die Leute berührt und ihre Gesprächsbereitschaft erhöht. Solche schönen Momente entstehen immer wieder aus unserem Projekt heraus.

Zum Abschluss noch ein kleiner Ausblick: Was sind Ihre Ziele für 2021? Gibt es bereits konkrete Forschungspläne oder geplante Veranstaltungen?

Marcus Plaul: In 2021 beginnt eine weitere wichtige Phase in unserem Projekt, in der es darum geht, unsere Kommunikationsaktivitäten zu verstärken, um noch mehr Bürger*innen zum Mitmachen zu motivieren. Gleichzeitig wollen wir auch an der Plattform arbeiten und diese technisch verbessern.  Außerdem möchten wir in den kommenden Monaten die eingereichten Daten auswerten und erste Ergebnisse unserer Forschung präsentieren. Hierzu planen wir gegen Ende des Jahres und sobald es die Situation wieder erlaubt, eine weitere Veranstaltung zu organisieren, um mit Wissenschaftler*innen und Bürgerforschenden über die gewonnenen Erkenntnisse zu diskutieren. Eine Buchpublikation zum Thema “Kino im Alltag der DDR”, die auf Ergebnisse aus unserem laufenden Forschungsprojekt zurückgreift, ist ebenfalls in Arbeit. Da möchten wir auch Bürgerwissenschaftler*innen als Autor*innen begeistern und mit einbinden. Über weitere Projekte und Veranstaltungen können sich interessierte Personen auch immer auf unserem Blog informieren.

Interviewpartner:

René Smolarski: Rene Smolarski, Zeithistoriker, Informatiker und Religionswissenschaftler, ist als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Juniorprofessur für Digital Humanities (Bild/Objekt) an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und an der Professur für Neuere und Zeitgeschichte und Geschichtsdidaktik der Universität Erfurt tätig. Er beschäftigt sich seit 2015 intensiv mit den Möglichkeiten der Einbindung einer außeruniversitären Öffentlichkeit in den Wissenschaftsprozess (Citizen Science).

Marcus Plaul: Marcus Plaul, studierter Medien- und Kommunikationswissenschaftler, ist als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Citizen-Science-Projekt "Kino in der DDR" an der Professur für Empirische Kommunikationsforschung/Methoden der Universität Erfurt tätig.

Zum Projekt: Kino in der DDR

Ly Le

Ly studiert im Master Veranstaltungstechnik und -management in Berlin und unterstützt Bürger schaffen Wissen insbesondere bei der grafischen Gestaltung, Social Media und Veranstaltungen.

Ein Kommentar

Reinhard Klietz
Hier hier eine kleine Geschichte von mir:
Jeanne Marais
Film & Kino – Erinnerungen:
Jetzt, wo alle Kinos im Lande geschlossen sind, gehen die Gedan-ken schon mal zu den Zeiten zurück, in denen es lange Schlangen an den Kinokassen gegeben hat. An Schauspieler, die ein ganz be-stimmtes Genre prägten. Wenn ihr wollt, folgt mir ganz, ganz weit zurück; in die 1960-er. Da stand beispielsweise neben Alain Delon, insbesondere Jean Marais für die Mantel- und Degen Filme. Immer der Gute, der Rächer. Erstmals sah ich ihn in DER GRAF VON MONTE CHRISTO im „Filmtheater“ Wolfen. Das war im Jahr 1960. Lange Schlangen an der Kinokasse. Ständig leuchtete das kleine Fenster „AUSVERKAUFT“ über der Kasse auf. Damals war es so, dass die Filme nur eine Woche im Programm eines Kinos blieben. Danach gingen sie weiter ins nächste Kino im Kreis. Ich hatte Glück und erwischte eine der begehrten Karten in einer Nachmittagsvorstellung. 1,85 Mark kostete damals eine Karte für die besten Plätze in unserem Kino, dem Sperrsitz. Heute überhaupt nicht mehr denkbar. Aber die damaligen Eintrittspreise waren auch schon damals viel zu niedrig. Aber zu der Zeit gehörte das Kino zur Kultur und nicht wie heute zum Wirtschaftsministerium, wurde dem Kino eine ganz andere Bedeutung beigemessen. Das Kino war neben den Theatern und Konzerthäusern fester Bestandteil des ge-sellschaftlichen Lebens.

Mehr Geschichten gibt es in MEINE WOLFENER GESCHICHTEN zu lesen und bei Facebook auf der Seite FLIMMERSTUNDE
Beste Grüße

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