Nachgeforscht bei Martina Sensburg und Julia Weidemüller von "Du kannst forschen"

15. November 2018 von Florence Mühlenbein
Die Forscherinnen Martina Sensburg und Julia Weidemüller
Die Forscherinnen Martina Sensburg und Julia Weidemüller

In unserer Reihe Nachgeforscht schnuppern wir mit euch in die Citizen-Science-Projekte auf unserer Plattform rein. Regelmäßig stellen wir eine Projektinitiatorin oder einen Projektinitiator vor und sprechen über ihre oder seine Idee, wie sie Wirklichkeit wurde und worauf es beim Mitforschen ankommt. Diesmal mit Martina Sensburg und Julia Weidemüller von "Du kannst forschen".

Wo sind Sie zum ersten Mal mit Citizen Science in Berührung gekommen und was hat Sie bewegt, dabei zu bleiben?

Wirklich aktiv mit Citizen Science auseinander gesetzt haben wir uns bis dato eher in privatem Rahmen, z.B. als Teilnehmerinnen bei der „Stunde der Gartenvögel“, der bundesweiten Vogelzählaktion des NABU. Unser Projekt „Du kannst forschen“ ist für uns beide sozusagen eine Premiere. Die Überzeugung, dass unsere Fragestellung ein innovativer und vielversprechender Ansatz für ein Citizen Science-Projekt ist, motoviert uns, weiter zu machen.

Worum geht es in Ihrem Projekt?

Mit “Du kannst forschen“ soll im Vulkanpark Osteifel (Rheinland-Pfalz) unter Leitung des Römisch-Germanischen Zentralmuseums (RGZM), Leibniz-Forschungsinstitut für Archäologie, langfristig ein neues wissenschaftliches Vermittlungsformat etabliert werden. Bürger*innen beteiligen sich an Experimenteller Archäologie im Römerbergwerk Meurin. Sie arbeiten dort in Gruppen gemeinsam mit den Wissenschaftler*innen des RGZM an der Erforschung des Potenzials römischer und keltischer Basalt-Handmühlen.

Eine Handmühle war DIE mobile Mehrzweck-„Küchenmaschine“ der Antike. Das macht sie für uns zum idealen Versuchsmittel, um ihre Lebensdauer in einem Langzeitexperiment praktisch zu testen. Teilnehmende werden von uns an im Maßstab 1:1 nachgebauten Handmühlen geschult, führen das Experiment selbstständig durch und erheben und dokumentieren Daten.

Wie kam Ihnen die Idee zu Ihrem Projekt? Und warum wollen Sie Bürgerbeteiligung?

Wir wollten die Leistungsfähigkeit antiker Maschinen in der Praxis testen. Was liegt näher als dies in einem Experiment umzusetzen? Da wir eine möglichst breite Datengrundlage benötigen, wurde schnell klar, dass wir hierzu die Unterstützung von mehr Menschen benötigen, als es sie in unserem normalen Arbeitsumfeld gibt. Ein Citizen Science-Projekt daraus zu machen, war für unsere Zwecke die optimale Lösung. Überdies wird das Projekt im Rahmen eines Aktionsplans der Leibniz-Gemeinschaft gefördert: Das Ziel ist es, die acht Forschungsmuseen der Leibniz-Gemeinschaft, darunter auch das RGZM, in ihrer besonderen Rolle als Orte von Forschung, Bildung und Wissenstransfer zu stärken.

Womit ringen Sie in Ihrem Arbeitsalltag am meisten?

Da es sich sowohl bei der Konzeptentwicklung als auch bei der diesjährigen Experimentierphase um eine Machbarkeitsstudie handelt, ist in manchen Momenten der begrenzenden Zeitfaktor spürbar. So haben wir aber gleichzeitig gelernt, welche Aspekte in Zukunft unbedingt weiter ausgebaut werden müssen – genau zu solchen Erkenntnissen sollte eine Machbarkeitsstudie schließlich führen.

Mal ehrlich: Gab es auch Fehlversuche oder Enttäuschungen? Was würden Sie beim nächsten Mal anders machen?

Fehlversuche liegen bei so einem lebendigen Projekt in der Natur der Sache und dienen uns zur Qualitätssicherung – dazu ist ein Experiment ja auch da! Enttäuscht waren wir vielleicht einmal ein bisschen, als Leute zu einem Termin nicht erschienen sind, ohne sich abzumelden. Dies wurde aber sofort durch den tollen Austausch mit anderen Gruppen wettgemacht und war schnell wieder vergessen. Nach unseren diesjährigen Erfahrungen haben wir schon eine ganze Reihe Modifikationsideen im Kopf; wir würden z.B. in Zukunft gerne Schulen und regionale Vereine enger mit einbeziehen.

„Die Neugier steht immer an erster Stelle eines Problems, das gelöst werden will“, weiß Galileo Galilei. Und darüber hinaus? – Was sind die 3 wichtigsten Eigenschaften, um bei dem Projekt mitzumachen?

Neugier und Ideenreichtum sind gute Voraussetzungen für Teilnehmer*innen, denn so ergibt sich bei gemeinsamer Teamarbeit mit uns ein reger Austausch. Weiterhin stehen Spaß an der gemeinschaftlichen Arbeit und Offenheit hoch im Kurs, denn es hat sich gezeigt, dass ein gutes Zusammenspiel der Bürgerforscher*innen miteinander sehr von Vorteil ist. Auch ein Grundinteresse an antiker Technik ist förderlich, um bei uns neue Erfahrungen zu machen.

Gummistiefel und Fernglas, Toolkit oder App – wie technisch versiert sollten Ihre Mitforscher sein?

Bürgerforscher*innen, die sich an unserem Handmühlen-Experiment beteiligen wollen, brauchen keinerlei technische oder archäologische Vorkenntnisse oder besonderes Rüstzeug. Das ist ja das Schöne daran. Es ist unsere Aufgabe als Moderatorinnen, das nötige Wissen und den Ablauf des Experiments allgemein verständlich zu vermitteln. Den Projektnamen „Du kannst forschen“ haben wir nicht umsonst gewählt – er sollte wirklich Jeden ansprechen.

Was kann man in Ihrem Projekt dazulernen?

Die Teilnehmenden verlieren im direkten Austausch mit uns schnell Berührungsängste, erwerben neue theoretische und praktische Kenntnisse und stellen eigene Überlegungen an. Last but not least: Experimentelle Archäologie wird durch „Du kannst forschen“ anschaulich vermittelt. Dass die Bürgerforscher*innen mit uns Wissenschaftlerinnen auf Augenhöhe arbeiten, hat sicherlich einen Langzeiteffekt und prägt das Verständnis für die Relevanz der Archäologie.

Ihr schönster Citizen-Scientist-Moment – wie war der? Was war der größte Erfolg der gemeinsamen Forschung?

Besonders toll war es, als sich eine Reenactment-Gruppe bei uns zur Teilnahme meldete (Anm. der Red: Reenactment nennt man die Neuinszinierung konkreter geschichtlicher Ereignisse auf möglichst authentische Weise). Das hatte Authentizität! Insgesamt war das Spannendste die Abwechslung: jede Gruppe war anders und somit auch die jeweilige Interaktion. Es hat sehr viel Spaß gemacht, sich jedes Mal neu dieser Herausforderung zu stellen. Die Qualität dessen, was wir an „input“ von den Teilnehmer*innenn bekommen haben, hat uns wirklich gefreut und letztlich unsere Erwartungen mehr als erfüllt.

Wo kann man Ergebnisse Ihres Projektes sehen?

Den Fortgang des Projektes haben wir schon über das gesamte Jahr hinweg mit einem Blog auf unserer Projekt-Webseite begleitet. Über diese veröffentlichen wir auch demnächst unsere ersten vorläufigen Auswertungsergebnisse. Nach den diesjährigen Auswertungen werden wir zunächst grobe Tendenzen ablesen können. Um statistisch belastbare Datenserien zu erzeugen, brauchen wir noch einige Durchläufe. 

Florence Mühlenbein

Projektmanagerin und Online-Redakteurin. Seit Februar 2018 betreut sie die Plattform, kümmert sich um die Social-Media-Kanäle und berät Projekte im Bereich Wissenschaftskommunikation.

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