Nachgeforscht bei Steffen Klotz von „Landinventur"

24. April 2019 von Florence Mühlenbein
Das Wohnmobil der „Landinventur" unterwegs in Mecklenburg-Vorpommern
Das Wohnmobil der „Landinventur" unterwegs in Mecklenburg-Vorpommern

Eine Inventur kennen die meisten aus dem Supermarkt. In Ihrem Projekt  „Landinventur" möchten Sie ein lebensnahes Bild vom Leben auf dem Land in Mecklenburg-Vorpommern zeichnen. Wie wählen Sie die Dörfer von den insgesamt 6000 Dörfern aus?

Wir wählen keine Dörfer im eigentlichen Sinne aus. Alle Dörfer in Mecklenburg-Vorpommern können bei der Landinventur mitmachen. Im Augenblick ist noch die beta-Phase, aber ab Juni diesen Jahres gehen wir mit der Plattform Landinventur.de online und jeder kann mitmachen und sein Dorf zurück auf die Landkarte bringen.
 
Um dahin zu kommen waren wir im vergangenen Jahr in vielen Dörfern im ganzen Bundesland unterwegs um „Testinventuren” durchzuführen. Dabei haben wir  eigentlich nur versucht, dass wir möglichst in jedem Winkel des Landes einmal waren. Die Dörfer haben uns  zum großen Teil selbst gefunden, durch Online-Aufrufe und Empfehlungen. Allerdings haben wir aus vergangenen Projekten auch ein sehr gutes Netzwerk in Mecklenburg-Vorpommern, auf das wir hier zurückgreifen konnten.
    

Wie läuft dann so eine Landinventur ab und was passiert mit den Daten?

Bisher war eine Landinventur immer ein kollektives Ereignis, bei dem wir zusammen mit Interessierten - ausgerüstet mit Fragebögen, Karten und Stiften - die Dörfer kartiert haben. Dabei ging es darum, herauszufinden, was man überhaupt wissen will über ein Dorf und wie man das herausfindet.
 
Ab diesem Jahr läuft das ganze digital und die Dorfbewohner*innen können alleine oder zusammen online ihre Dörfer kartieren. Das geht ziemlich einfach mit der Plattform, die wir entwickelt haben. Man wählt sein Dorf auf der Startseite aus und kann dann zu unterschiedlichen Themen, wie  „Leben” oder  „Engagement” Fragen beantworten. Dabei bekommt man zu jeder Frage Hilfestellungen, eine Karte des Dorfs zur Orientierung und Illustrationen, die alles verständlicher machen. Die Daten werden automatisch zusammengefasst, visualisiert und man kann sich das dann nach Fertigstellung der Inventur auf der großen Landkarte anschauen. Wer möchte, kann auch seine Kontaktdaten hinterlassen, damit wir ihn oder sie weiterhin auf dem Laufenden halten können. Außerdem stellen wir uns vor, dass wir Landinventur-Interessierte so irgendwann miteinander vernetzen können.
 
Die Daten sind anonymisiert und sicher für alle online einsehbar. Wie man damit am besten weiterarbeiten kann, möchten wir gemeinsam in einem Workshop mit Expert*innen und Bürgerwissenschaftler*innen im Spätsommer herausfinden.

Was haben Sie persönlich über Mecklenburg-Vorpommern, die Dörfer oder das Leben auf dem Land gelernt? Gab es dabei spannende Erkenntnisse/Überraschungen aus wissenschaftlicher Sicht?

Mecklenburg-Vorpommern ist ein Land der Dörfer. Mehr als 6.500 solcher Dörfer, wie sie uns allen immer vorschweben, gibt es im Land. Wir waren überrascht, wie vielfältig diese Dörfer in Mecklenburg-Vorpommern sind und wie die Leute sich so einrichten, um auf dem Land wohnen zu können.

Womit ringen Sie in Ihrem Arbeitsalltag am meisten?

Kill your Darlings! Das ist das schwierigste. Wir sind mit einem sehr ambitionierten Projekt gestartet und haben auf dem Weg immer wieder tolle Ratschläge, Hinweise und Anknüpfungspunkte angeboten bekommen. Gleichzeitig haben wir aber auch bemerkt, wie viel Grundlagenarbeit überhaupt erst einmal zu leisten ist - z. B. ein ordentliches Verzeichnis der Dörfer als Grundlage für die Datenbank überhaupt erst einmal zu erstellen. Wir mussten also auf dem Weg immer wieder Ideen und Themen zurückstellen, weil sie das Projekt in der jetzigen Phase überfrachtet hätten. Außerdem muss man sich immer wieder vor Augen führen, dass die Inventur möglichst vielen Menschen zugänglich sein soll und daher nicht zu kompliziert sein darf. Im besten Fall macht sie sogar Spaß. Wir würden aber gerne in einer möglichen Weiterführung des Projekts auf diese ganzen Ideen, die da noch schlummern, zurückgreifen.

Mal ehrlich: Gab es auch Fehlversuche oder Enttäuschungen? Was würden Sie beim nächsten Mal anders machen?

Fehlversuche hatten wir eigentlich nicht. Wir haben unser Projekt von Anfang an als großes Experiment wahrgenommen und uns darauf eingestellt, zwischendurch auch mal in die falsche Richtung abzubiegen. Über den engen Kontakt mit den Dorfbotschafter*innen haben wir aber immer zügig Feedback erhalten und konnten unseren Weg korrigieren.
 
Das aufwendigste war sicherlich die Programmierung der Online-Plattform. Das war sehr schwer auf den Weg zu bringen und jemanden zu finden, der das gut und zuverlässig machen kann. Schlussendlich haben wir eine Firma aus Stuttgart gefunden, die ein gutes Gespür für die Anforderungen und unsere Ideen hat. Beim nächsten Mal wäre es aber sicherlich wünschenswert, diese Umsetzungsebene noch viel stärker in den Austausch mit den Bürgerwissenschaftler*innen einbinden zu können. Hier ist die Größe von Mecklenburg-Vorpommern auch eine klare Herausforderung: es ist nicht einfach die Leute neben ihrem Job dazu zu bringen, durch das halbe Bundesland zu fahren, um an einem zentralen Workshop teilzunehmen. 

„Die Neugier steht immer an erster Stelle eines Problems, das gelöst werden will“, weiß Galileo Galilei. Und darüber hinaus? – Was sind die 3 wichtigsten Eigenschaften, um bei dem Projekt mitzumachen?

Vermutlich reicht Neugier eigentlich aus. Den Rest lernt man dann unterwegs!
Es hilft aber natürlich, wenn man sich in seinem Dorf auskennt und weiß wie die Entwicklung in den letzten Jahren verlaufen ist. Auch Kontakte zur Dorfgemeinschaft sind wichtig, da viele Fragen sich mit Engagement und dem  „Wer macht eigentlich was?” beschäftigen. Aber wie gesagt - eigentlich reicht Neugier vollkommen aus und im besten Falle fängt man an seine Nachbarn zu fragen, wo man selbst nicht weiter weiß. Wir hoffen eigentlich, dass das Kartieren nicht nur Daten generiert, sondern in den Dörfern auch einen Austausch über die Fragen und Ziele der Landinventur auslöst. 

Gummistiefel und Fernglas, Toolkit oder App – wie technisch versiert sollten Ihre Mitforscher*innen sein?

Die Landinventur-Plattform ist sehr simpel gestrickt und nimmt die Leute an die Hand beim Kartieren. Der Prototyp wird gerade von Dorfbotschafter*innen und anderen Freiwilligen getestet, um danach noch zugänglicher zu sein. Wenn man also nicht das erste Mal im Internet unterwegs ist, sollte das Kartieren kein Problem sein.

Was kann man in Ihrem Projekt dazulernen?

Bei unseren ersten Kartierungen im letzten Sommer war es immer wieder spannend zu sehen, wie überrascht die Leute tatsächlich waren, von den Ergebnissen des eigenen Dorfs. Das ist einer der größten Lerneffekte: Ein neuer Blick auf das eigene Dorf. Dazu bieten wir auf unserer Plattform aber auch weiterführende Informationen zu den einzelnen Themenbereichen, die wir abfragen - Warum ist das interessant und wofür steht das?
Wenn man das Projekt weiterdenkt, würden wir gerne noch viel stärker, auch mit den Dorfbotschafter*innen zusammen, über die Interpretation der Daten oder den Vergleich mit anderen Dörfern in Austausch treten. Da kann man noch viel voneinander lernen.

Ihr schönster Citizen-Scientist-Moment – wie war der? Was war der größte Erfolg der gemeinsamen Forschung?

Das ist eigentlich immer der gleiche Augenblick – jedenfalls so lange wir mit unserer Forschungsstation unterwegs waren: Vorfahren – Markise runter kurbeln – Tisch aufbauen – Karten ausbreiten. Dann gucken uns alle zunächst einmal verständnislos an. Dass sich jemand so für ihr Dorf interessiert, wissen will, was man selbst weiß  über den Alltag in einem kleinen Dorf - das passiert nicht oft. Nach ungefähr einer halben Stunde kommt dann aber der Citizen-Scientist-Moment: Die Leute sind konzentriert über die Karten gebeugt und überlegen: „Hat der Nachbar jetzt eigentlich noch Holz und Kartoffeln im Garten? Oder „Wer wohnt jetzt eigentlich in dem leeren Fachwerkhaus?“ 

Wo kann man Ergebnisse Ihres Projektes sehen?

Die Ergebnisse laufen alle auf www.landinventur.de zusammen. Die Seite fungiert im Moment noch als Blog, auf dem wir über den Projektfortschritt informieren. In Zukunft ist das aber die Adresse um teilzunehmen und Hintergrundinformationen und Anleitungen abzurufen.
 

Florence Mühlenbein

Projektmanagerin und Online-Redakteurin. Florence betreut die Plattform, kümmert sich um die Social-Media-Kanäle und berät Projekte im Bereich Wissenschaftskommunikation.

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