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Zusammen forschen: Wie gelingt das?

26. April 2021 von Nicola Moczek
Nilpferdbrunnen in Berlin-Friedrichshain; Foto: Nicola Moczek
Nilpferdbrunnen in Berlin-Friedrichshain; Foto: Nicola Moczek

Welche Erwartungen haben Citizen Scientists und Wissenschaftler*innen an die Zusammenarbeit im Forschungsprojekt? Wo sind sie skeptisch, wo optimistisch? Wo erleben sie Autonomie, wo Abhängigkeiten? Diese Themen werden in einem gerade erschienen Artikel (1) beleuchtet.

In Citizen-Science-Projekten arbeiten akademische und ehrenamtliche Wissenschaftler*innen (so genannte Citizen Scientists) zusammen und teilen ein gemeinsames Forschungsinteresse (2). Der Bedeutungszuwachs von Citizen Science ist vor allem in den zahlreichen Vorteilen dieser Form der gesellschaftlichen Teilhabe begründet: So kann sie gemäß der Ten principles of citizen science (3) unter anderem dazu beitragen, drängende gesellschaftliche Probleme auf die Forschungsagenda zu bringen, Daten in großem Umfang zu sammeln sowie Wissenschaftskommunikation zu erleichtern.

Citizen Science steht auch vor Herausforderungen: Im Gegensatz zu klassischen Forschungsprojekten, die ohne ehrenamtliche Mitarbeit laufen, müssen die Projekte einer großen Vielzahl unterschiedlicher Forschungsfragen und Akteuren gerecht werden und wie alle Forschungsprojekte eine hohe Datenqualität und -sicherheit sowie die Einhaltung wissenschaftlicher Standards kontrollieren (2). Aufgrund des enormen Potentials von Citizen Science liegt es im gesellschaftlichen Interesse, diese Herausforderungen zu überwinden, das aktive Engagement von Citizen Scientists in Projekten zu ermöglichen (4) sowie für eine reibungslose Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftler*innen und Citizen Scientists zu sorgen. Während in den letzten Jahren die Wichtigkeit solcher Projekte enorm gestiegen ist, steht die systematische Begleitforschung erst am Anfang.

Im Rahmen einer formativen Langzeit-Evaluation des Citizen-Science-Projekts „Spurensuche Gartenschläfer“ (5) wurden durch die Autorin zu Projektbeginn verschiedene Aspekte der Zusammenarbeit einerseits aus Perspektive der Wissenschaftler*innen über eine Online-Umfrage (Studie 1, N = 25) untersucht und durch vier qualitative Interviews ergänzt (Studie 2; N = 4). Die Citizen Scientists wurden andererseits, wenige Wochen später und kurz nach Beginn ihres Engagements befragt (Studie 3; N = 59). Zum Einsatz kamen unter anderem gepaarte Items, die jeweils für die Eigen- und für die Fremdperspektive beantwortet werden konnten.

Die befragten 25 Wissenschaftler*innen (Studie 1) bewerteten den (zum Zeitpunkt der Befragung künftigen) Beitrag von Citizen Scientists zum Projekterfolg insgesamt sehr positiv. Sie erwarteten, dass mit Hilfe der Freiwilligen deutlich mehr Daten erhoben werden können, aber sie äußerten sich teilweise zögerlich in Bezug auf die Qualität der durch Citizen Scientists zu erhebenden Proben und Daten. Über die ergänzenden qualitativen Interviews konnte diese Skepsis besser verstanden werden: Es wurde die Sorge geäußert, ob sich genügend Citizen Scientists für das Projekt engagieren werden. Weiter wurde befürchtet, dass einige der anzuwendenden Methoden bei den Citizen Scientists beliebter sein könnten als andere und es somit zu unerwünschten Verzerrungen bei der Datenerhebung kommen könnte. Die künftige Zusammenarbeit mit ihren wissenschaftlichen Kolleg*innen schätzten sie positiver ein als mit den Citizen Scientists und sie hielten sich selbst für stärker abhängig von der Zuarbeit der Citizen Scientists als sie es im Umkehrschluss für die Freiwilligen annahmen. Besonders groß sind die Unterschiede zwischen Eigen- und Fremdperspektive in Bezug auf das Wissenschaftsverständnis. Die befragten Wissenschaftler*innen sehen die Veränderungen in Bezug auf das Verständnis wissenschaftlicher Arbeit, das Verstehen wissenschaftlicher Prozesse und Abläufe und die Veränderung der Akzeptanz der wissenschaftlichen Forschung vor allem auf Seiten der Citizen Scientists. Die dort erwarteten Lerneffekte sind geradezu als optimistisch zu werten. Bei sich selbst erwarten die Wissenschaftler*innen jedoch praktisch keine Veränderungen.

Mithilfe dieser und weiterer Ergebnisse wurden Herausforderungen der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftler*innen und Citizen Scientists identifiziert und Empfehlungen zum Umgang mit diesen ausgesprochen. Diese Studie war die erste dieser Art in der Begleitforschung. Die Veröffentlichung der Ergebnisse der Befragungen der Citizen Scientists (Studie 3) zu den gleichen Themen wird in Kürze erfolgen, und insbesondere aus dem aus dem Vergleich der beiden gegenseitigen Einschätzungen ergeben sich weitere spannende Erkenntnisse. Ein Vortrag beleuchtet das Thema auf dem Forum Citizen Science im Mai 2021 (6).

Referenzen:

(1) Moczek, N. & Köhler, J.K. (2020). Zur Zusammenarbeit zwischen akademischen und ehrenamtlichen Wissenschaftler*innen im Citizen Science-Projekt „Spurensuche Gartenschläfer“. Umweltpsychologie 24(2), 200-221.
Kostenloser Zugriff über WISO (Datenbank für Hochschulen) möglich:
https://www.wiso-net.de/login?targetUrl=%2Ftoc_list%2FUMPS oder Artikel über GENIOS erwerben (€ 3,42) https://www.genios.de/toc_list/UMPS/2020

(2) Bonn, Richter, Vohland, Pettibone, Brandt, Feldmann et al., 2016. Grünbuch Citizen Science Strategie 2020 für Deutschland. Verfügbar unter: http://www.buergerschaffenwissen.de/sites/default/files/grid/2017/11/20/gewiss-gruenbuch_citizen_science_strategie.pdf

(3) Robinson, L., Cawthray, J.D., West, S.E. et al. (2018), Ten principles of citizen science: In S. Hecker, M. Haklay, A. Bowser, Z. Makuch, J. Vogel & A. Bonn (eds.). Citizen Science: Innovation in Open Science, Society and Policy. London, UCL Press. 1-23. Deutsche Version verfügbar unter https://ecsa.citizen-science.net/wp-content/uploads/2020/02/ecsa_ten_principles_of_cs_german.pdf

(4) Siehe auch die Deklaration der Tagung Knowledge for Change: A decade of Citizen Science (2020-2030) in support of the SDGs, Oktober 2020 in Berlin, https://www.cs-sdg-conference.berlin/en/declaration.html, welche hier unterzeichnet werden kann: https://survey.naturkundemuseum-berlin.de/en/sign_the_CS_SDG_Declaration

(5) Mehr Informationen zum Projekt verfügbar unter https://www.gartenschlaefer.de/

(6) Forum Citizen Science 2021: https://www.buergerschaffenwissen.de/veranstaltungen/forum-citizen-science-2021/programm

 

Nicola Moczek

Nicola führt eine Studie zu Citizen-Science-Projekten in Deutschland durch. In diesem Rahmen erarbeitet sie Kriterien zur Sicherstellung der wissenschaftlichen Qualität der Projekte und ist außerdem für die wissenschaftliche Beratung der Citizen-Science-Projekte zuständig. (Foto: © Hwa Ja Götz)

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