„Jede 6. Klasse sollte bei einem Citizen-Science-Projekt mitmachen”

30. Januar 2019 von Florence Mühlenbein

Diesen Wunsch hat Katrin Knickmeier, die die Kieler Forschungswerkstatt leitet. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Katrin Kruse hat sie eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die sich mit dem Thema Citizen Science und Schule auseinandersetzt. Im Interview erzählt die Meeresbiologin, mit welchen Schwerpunkten sie sich in der AG beschäftigen möchte und welche Erfahrungen die Initiatorinnen aus ihren beiden Schulprojekten Plastikpiraten und dem Plastikmüll auf der Spur einbringen können. 

Warum ist die Vernetzung zwischen den Citizen-Science-Projekten, die sich an Kinder und Jugendliche richten, bzw. zwischen den Themenbereichen Citizen Science und Bildung aus eurer Sicht so wichtig? 

Als wir letztes Jahr bei einem Netzwerktreffen über die Zukunft von Bürger schaffen Wissen diskutiert hatten, haben wir gedacht, dass es gut wäre, Citizen Science auch als Bildungsprojekt voranzutreiben. Wir haben uns gefragt: Wie können wir Citizen Science und die Projekte in die Schulen bringen? Gäbe es zum Beispiel eine gezielte Maßnahme für Schulen, dann würde Citizen Science automatisch in die Schulen kommen und gleichzeitig würden die Schüler*innen und Lehrkräfte über die Möglichkeiten in wissenschaftlichen Projekten mitzuarbeiten informiert werden können. Unsere bisherigen Erfahrungen zeigen leider, dass viele Lehrkräfte Citizen Science noch gar nicht kennen. Und auch das Portal Bürger schaffen Wissen nicht kennen. Noch nicht kennen.

Wie können die Schulen und Projekte voneinander profitieren? Wo liegen eurer Meinung nach die Vorteile?

Aus unserer Sicht ist das eine WIN-WIN-WIN-Situation: für die Wissenschaftler*innen, die Lehrkräfte und Schüler*innen. Jede Seite kann da eine Menge mitnehmen. Die Wissenschaftler*innen können beispielsweise durch die Teilnahme vieler Schulklassen große Datensätze generieren. Die Lehrkräfte wiederum können wieder Anschluss an die Wissenschaft finden, die sie mit dem Austritt aus der Universität ja meistens verlassen haben. Und die Schüler*innen können in die Wissenschaft reinschnuppern und in den spannenden Projekten – zum Beispiel durch eine Probenentnahme – mitverfolgen, wie Wissenschaft funktioniert. Das Tolle ist ja auch, dass viele Projekte draußen sind oder mit Apps funktionieren, was natürlich auch für die Schüler*innen besonders interessant ist. 

Was müssen Citizen-Science-Projekte für Schulen mitbringen? Was unterscheidet sie vielleicht auch von anderen Citizen-Science-Projekten? 

Die Projekte sollten sich aus unserer Erfahrung heraus an die gesamte Schulklasse richten. Das ist vor allem wichtig für die Lehrkräfte, weil alle Schüler*innen mitgenommen werden sollen. Aber genau diese Frage möchten wir auch in der Arbeitsgruppe diskutieren und gemeinsam überlegen, was ein gutes Citizen Science-Projekte für Schulen mitbringen muss. Und die guten Konzepte, die es ja teilweise in den einzelnen Projekten schon gibt, weiter gemeinsam anreichern. So reicht es zum Beispiel nicht aus, ein Foto auf einer Plattform oder in einer App hochzuladen. Da muss es ausreichend Bildungsmaterialien für die Lehrkräfte geben, die sie am besten direkt im Unterricht verwenden können. Das Programm muss so aufgebaut sein, dass die ganze Schulklasse beschäftigt ist und jeder eine Aufgabe hat. Ich nenne das dann gerne auch ein „Rundum-Sorglos-Paket” - die Materialien sollten für die Lehrkraft so gestaltet sein, dass sie direkt anfangen kann ohne große monatelange Recherche und Vorbereitung. Bei den Plastikpiraten beispielsweise bekommen wir regelmäßig über die Lehrkräfte und Schulklassen Feedback, was gut funktioniert und was nicht. Wer unser Projekt mal verfolgt hat sieht, dass sich dadurch unser Projektdesign auch stets dynamisch mitentwickelt.

Die große Herausforderung, die wir sehen, ist, dass die wissenschaftliche Datenauswertung meistens sehr lang dauert. Man muss sich also Mittel überlegen, wie man die Daten und Ergebnisse an die Community, in diesem Fall an die Schüler*innen, zurückgeben kann. Denn oftmals unterrichtet die Lehrkraft die Schüler*innen dann nicht mehr oder die Schüler*innen haben die Schule bereits abgeschlossen. Dafür brauchen wir eine Lösung, um zu zeigen, dass ihre Teilnahme wichtig ist und wertgeschätzt wird.

Warum ist die Arbeit mit Schüler*innen so besonders wichtig? 

Durch unsere Schulprojekte hier an der Kieler Forschungswerkstatt weiß ich, dass viele Schüler*innen, die mit ihrer Klasse herkommen, erstmals Kontakt mit der Wissenschaft bekommen. Manche davon würden wir über freiwillige Angebote oftmals nicht erreichen. Daher bin ich überzeugt, dass man ihnen erstmal die Möglichkeit geben muss, das Interesse für Wissenschaft oder ein bestimmtes Thema entwickeln zu können. Wenn sie davon nichts wissen, wissen sie oftmals vermutlich nicht, dass sie ein bestimmtes Thema spannend finden können. Deswegen ist mein Wunsch „Jede 6. Klasse sollte bei einem Citizen Science-Projekt mitmachen”, das könnte für viele Schüler*innen ein Türöffner zur Wissenschaft sein.

Was kann die in diesem Rahmen die AG leisten? Was ist da euer Wunsch, eure Zielvorstellung?

Wir wünschen uns für die Arbeitsgruppe, dass wir Themen, die viele Citizen Science-Schulprojekte betreffen, gemeinsam erarbeiten. Wir haben vielleicht unsere Erfahrungen aus den Plastikpiraten, aber andere Projektinitiator*innen haben vielleicht weitere oder andere Erfahrungen, die wir miteinander teilen könnten. In der Zusammenarbeit mit Schulen wollen wir Hindernisse aus dem Weg räumen und bestehenden oder auch neuen Citizen Science-Projekten Werkzeuge mit an die Hand geben, die gut für Schulen funktionieren. Bei unseren Projekten haben wir festgestellt, dass der direkte Kontakt zu den Lehrkräften, beispielsweise über Lehrer*innenfortbildungen, eine sehr gute Möglichkeit ist, um sie für die Programme zu interessieren. Wie sich das in konkreten Zahlen auswirkt, müssen wir jedoch noch genau erfassen. Das angedachte Thema der Begleitforschung hatten wir noch nicht weiter besprochen, das wird dann vielleicht nochmal in kommenden Treffen diskutiert. Da wir noch in den strategischen Vorbereitungen stecken, ist auch noch offen, inwiefern wir weitere Bildungsaspekte in der Arbeitsgruppe abbilden möchten. Wir freuen uns da immer über weitere Interessanten und Mitdenker*innen, die die Ziele und Ausrichtungen der Arbeitsgruppe mitgestalten möchten.


Am 10. Januar 2019 fand das erste Treffen der Arbeitsgruppe „Citizen Science und Schule” in der Kieler Forschungswerkstatt statt, bei dem auch dieses Gespräch entstanden ist. Weitere Informationen zu dieser und weiteren Arbeitsgruppen finden sich bald hier bei Bürger schaffen Wissen. Wir danken Katrin Knickmeier für das Interview. 

Wer Interesse hat mitzuarbeiten, kann sich gerne unter folgender Adresse mit den Initiatorinnen in Verbindung setzen: kknickmeier[at]uv.uni-kiel.de, kkruse[at]ipn.uni-kiel.de

Florence Mühlenbein

Projektmanagerin und Online-Redakteurin. Florence betreut die Plattform, kümmert sich um die Social-Media-Kanäle und berät Projekte im Bereich Wissenschaftskommunikation.

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