Zwischen Hauptbühne und Heidekraut: Bürger schaffen Wissen auf dem Festival A Summer‘s Tale

20. August 2019 von

Am Eingang der Festivalwiese schrauben sich zwei meterhohe Stapel aus Holzpaletten in die Luft. Sie tragen ein Schild mit der Aufschrift „A Summer‘s Tale“. So heißt das Festival in Luhmühlen in der Nähe von Lüneburg, das jährlich Anfang August stattfindet. Direkt rechts hinter dem Eingang folgt ein Zelt, das „Tale‘s Cafe“, das nachts von einer riesigen Discokugel bestrahlt wird. Daneben leuchtet in Lila das allgegenwärtige Symbolbild des Festivals (und die Blume des Jahres 2019): das Heidekraut.

Das Summer‘s Tale ist für sein vielfältiges und buntes Programm bekannt. Insbesondere das Thema „Nachhaltigkeit“ ist allgegenwärtig. Es ist mein zweiter Besuch beim A Summer‘s Tale Festival. Aber zum ersten Mal trage ich ein lilafarbenes Bändchen für Crewmitglieder am Handgelenk. Denn in diesem Jahr bin ich eingeladen, um mit allen Interessierten über Citizen Science aber auch die Bedeutung von Wissenschaftskommunikation im Tale’s Cafe zu diskutieren. Das A Tale's Cafe bietet eine Bühne für interaktive Veranstaltungen zu den verschiedensten Themen – wie digitales Arbeiten im Grünen, Reiseberichte oder ein Kneipenquiz – und wird von der Journalistin Birgit Langhammer moderiert.

Ich nehme Platz auf einem der zwei Ohrensessel und blicke ins Publikum. Das Zelt ist fast voll, schätzungsweise 75 Menschen finden sich ein – trotz starker Konkurrenz durch den Hamburger Kneipenchor. Viele sind zwischen 20 und 35 Jahren alt, aber auch ältere Semester sind gut vertreten.

„Bei welchen Citizen-Science-Projekten könnte das Publikum mitmachen?“, möchte die Moderatorin zunächst wissen. Ein Besucher berichtet, dass er bereits auf Mückenjagd war – und so dabei half, die Verbreitung verschiedener Mückenarten in Deutschland zu erforschen. Bei den über 130 Projekten auf der Plattform fällt mir die Auflistung schwer und so entscheide ich mich, einige Beispielprojekte wie Verlust der Nacht, Stadtwildtiere oder Artigo zu nennen, um die Vielfalt von Citizen Science aufzuzeigen. Die anschließende Frage eines Zuhörers, ob es eher um die konkreten Projekte gehe oder auch um das Vermitteln von Wissenschaft im Allgemeinen, trifft einen wichtigen Punkt. Denn neben dem expliziten Ziel, konkrete Forschungsprojekte gemeinsam voranzubringen, geht es bei Bürgerwissenschaft implizit immer auch darum, wie man wissenschaftlich arbeitet. Hinter Forschungsergebnissen steckt meistens nicht ein Gedankenspiel eines Einzelnen, sondern harte Arbeit im Team – das wird spätestens dann klar, wenn man selbst zum (Bürger-)Forschenden wird und den wissenschaftlichen Prozess aktiv mitbegleitet hat. „Können bürgerwissenschaftliche Projekte etwas bewegen?“, lautet eine weitere Frage von Birgit Langhammer. Hier nenne ich das eindrucksvolle Studie des Entomologischen Vereins aus Krefeld, die vor 30 Jahren zwar nicht unter dem Etikett „Bürgerwissenschaft“ startete, aber seitdem ehrenamtlich durchgeführt wird und den Rückgang der Insektenpopulation in Deutschland über mehrere Jahrzehnte hinweg dokumentiert.

Im Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Relevanz von Wissenschaftskommunikation kommt auch die Jugendbewegung „Fridays for Future“ zur Sprache. Birgit Langhammer fragt, ob die Bewegung ein Verdienst der Wissenschaftskommunikation sei. „Fridays for Future ist vor allem das Verdienst engagierter junger Menschen“, lautet meine persönliche Einschätzung. „Und das ist auch richtig so: Die Wissenschaft kann mit ihren Erkenntnissen einen wichtigen Beitrag zu gesellschaftlichen Diskussionen leisten. Aber sie hat kein Mandat dafür, die politische Agenda zu bestimmen. Welche politischen Schlüsse wir aus Forschungsergebnissen ziehen, müssen wir alle gemeinsam entscheiden.“

Damit endet der offizielle Teil. Es schließen sich längere Einzelgespräche an – etwa darüber, wie man ein bürgerwissenschaftliches Projekt starten kann. Danach verlasse ich das Tale‘s Café in die laue Sommernacht. Ich esse noch eine Portion Kartoffelstampf, höre mir ein Konzert an und mache mich auf den Weg zurück ins Zelt. Denn ich fühle mich zwar wie ein Rockstar – aber schlafen werde ich standesgemäß auf dem Boden der Tatsachen.

Michael Siegel, Wissenschaft im Dialog

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