Weltbürgerwissenschaft und DIY – Bericht von der ersten Citizen-Science-Delegation zur UNEA in Nairobi

18. Dezember 2017 von Maike Weißpflug
Foto: Maile Weißpflug
Foto: Maile Weißpflug

Citizen Science nimmt Fahrt auf. Es entstehen nicht nur überall neue Projekte – Citizen Science betritt auch die Bühne der großen Politik. Anfang Dezember besuchten etwa 20 Vertreter der US-amerikanischen, europäischen und australischen Citizen-Science-Vereinigungen CSA, ECSA und ACSA und der in Gründung befindlichen CitizenScience.Asia die 3. UN Environment Assembly (UNEA) in Nairobi, um mit Vertretern aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik ins Gespräch zu kommen und die Gründung einer globalen Anlaufstelle für Citizen Science zu verkünden. 

Der Weg zur UNEA führt durch ein Wechselbad der Erfahrungen. Nairobi ist eine Stadt der extremen Gegensätze und des höllischen Verkehrs. Kilometerlange Staus gehören hier zum Alltag, wie wir schnell lernen. Die dazugehörige Luftverschmutzung kann man förmlich spüren, man schmeckt sie bald nach der Ankunft auf den Lippen. Ich denke an das Motto der UNEA, #beatpollution und frage mich, wieviel konkrete Änderungen die Menschen in dieser Stadt von der UNEA erhoffen dürfen. Der Weg zur UN führt von der Innenstadt durch den Karura-Forest in den Stadtteil Gigiri – wir haben am Morgen Glück, gegen den unendlichen Strom der Pendler stadtauswärts zu fahren und einigermaßen durchzukommen. Kaum sind wir durch die Sicherheitsschleuse auf das UN-Gelände gelangt, eröffnet sich eine ganz andere Welt. Die Idee der Vereinten Nationen hat ja bereits in der Theorie einen utopischen Überschuss, doch hier verkörpert sie sich in einer tropischen Parklandschaft, in die ein Ensemble aus nicht weniger utopisch anmutender Architektur eingelassen ist. Mit Citizen Science und der Idee, Menschen überall auf diesem Planeten in die Erforschung und Sorge um die Welt einzubeziehen, scheinen wir hier genau richtig zu sein.

Foto: UNEA-Geländer in Nairobi

Tatsächlich sind viele der globalen Umweltfragen nicht ohne die Unterstützung der Bevölkerung zu bearbeiten oder gar zu lösen. Und bei vielen dieser Fragen liegt es nahe, ebenso global zu kooperieren. Dafür bedarf es starker Netzwerke und globaler Infrastrukturen. Bereits im April 2017 wurde auf einer Konferenz in Genf mit Unterstützung der UN das Citizen-Science-Netzwerk ‘Global Mosquito Alert’ ins Leben gerufen. Von dort ging die Idee aus, eine internationale Kontaktstelle für Citizen Science zu schaffen, um die Koordination vieler weiterer Projekte zu ermöglichen. Dies ist nur der bislang letzte Schritt der Professionalisierung und Internationalisierung von Citizen Science. Um Projekte zu koordinieren, Austausch zu fördern und eine einheitliche Stimme zu schaffen, haben sich in den vergangenen Jahren in Europa, den USA und Australien Citizen-Science-Vereinigungen gegründet. Die politischen Erfolge sind beachtlich: Sowohl in den USA als auch in Europa ist Citizen Science in die wissenschaftspolitischen Programme und Förderlinien aufgenommen worden. In der EU beispielsweise ist Citizen Science Teil der Open Science Agenda, die die grundlegende Transformation des Wissenschaftssystems in Richtung Offenheit und Partizipation gestalten will.

Auch auf der UNEA – das höchstrangige Entscheidungsgremium zu Umweltfragen auf UN-Ebene – stößt Citizen Science auf großes Interesse. Die von der Delegation im Rahmen des Science-Policy-Business-Forum, einem Side Event unmittelbar vor der eigentlichen Hauptversammlung, veranstaltete Session “The Future of Citizen Science” ist gut besucht. Neben Diskussionsrunden mit Vertretern aus Industrie und Politik werden praktische Beispiele aus der Community vorgestellt. Shannon Dosemagen von Public Lab erklärt, wie mit DIY-Technologien Umweltkatastrophen dokumentiert werden können. Public Lab gründete sich nach der Explosion der Deepwater Horizon im Golf von Mexiko 2010, um gemeinsam mit Anwohnern die Folgen der Ölkatastrophe zu dokumentieren. Mit einfachsten Mitteln – einem Heliumballon, einer langen Leine und einer gebrauchten Digitalkamera – gelang es ihnen, hochauflösende Luftaufnahmen von den betroffenen Gebieten zu machen und mit Hilfe einer Software zusammenzusetzen:

Foto: Luftaufnahme von Golf von Mexiko mit der Balloon-Mapping Methode

Die DIY-Technologie lässt sich vielfältig und kreativ einsetzen. Wer es selber ausprobieren möchte: hier geht’s zur Balloon-Mapping-Anleitung. Die Geschichte von Public Lab und DIY-Science ist in The Economist auch ausführlicher nachzulesen.

Auf dem Abschlussplenum des Science-Policy-Business-Forums erhält Johannes Vogel, Vorsitzender von ECSA und Generaldirektor des Museums für Naturkunde Berlin die Möglichkeit, unser Anliegen vorzutragen und die Gründung einer globalen Anlaufstelle für Citizen Science zu verkünden:

  • Professional science alone cannot provide information at the scales and resolutions necessary to understand environmental change. The dominant culture of scientific expertise does not account for different ways of knowing, and often fails to engage the public.
  • Citizen science emphasizes collaborative intelligence and co-creation to facilitate scientific and community-based solutions. It should become the bread and butter for environmental research and policy. To transform science there is a realistic target to engage 1 billion global citizens by 2020.
  • Citizen science provides active and meaningful ways to fulfil the intention of treaties that call for the integration of local and indigenous knowledge.
  • USIU-Africa will establish an African Citizen Science Association to mobilize local capacity to solve African problems by focusing on big data and analytics; water, air, and soil; and, pollution.
  • The citizen science delegation will establish a Global Secretariat that will convene a standing committee to work with the UN and other public partners; promote regional leadership for citizen science; form a business advisory group; and, capture the global contribution of citizen science data to meeting the UN Sustainability Development Goals.

Viele der Teilnehmenden, die gerade noch auf ihre Handys schauten, blicken plötzlich auf und hören gespannt zu: Hier passiert etwas Neues. Wenn man den Gesprächen in den Sitzreihen, auf den Fluren und beim Kaffee lauscht, bekommt man eine Ahnung, warum Citizen Science auf solch großes Interesse stößt. Citizen Science bewegt sich an der Schnittstelle von drei großen Themen unserer globalen Gegenwart: Das ist 1. die Digitalisierung, die ganz neue Formen der Kooperation überhaupt erst möglich macht, 2. sind es die “grand challenges”, verbunden mit der Ahnung, dass wir diese nur erfolgreich bearbeiten können, wenn BürgerInnen im großen Maßstab einbezogen werden und 3. die Erosion des Vertrauens in Wissenschaft und Politik, gerade in diesen Fragen, und der damit verbundene Aufstieg populistischer Kräfte. Citizen Science ist sicher nicht das Allheilmittel, all diese Probleme zu lösen, doch es ist ein Schritt in die richtige Richtung, neue Koalitionen zwischen Zivilgesellschaft und Wissenschaft zu formen.

Doch damit nicht genug! Am Tag nach dem Science-Policy-Business-Forums fahren wir an die private United States International University (USIU) im Norden von Nairobi, um dort die Gründung einer Afrikanischen Citizen-Science-Vereinigung zu unterstützen. Auch für diesen Prozess ist die Schaffung einer globalen Anlaufstelle wichtig – ermöglicht sie den Austausch von Erfahrungen und beschleunigt die Institutionalisierung von Citizen Science in allen Weltregionen. Die Diskussionen an der USIU zeigen, dass dieser Prozess mit der größtmöglichen Offenheit gestaltet werden sollte – gibt es doch an vielen Orten bereits bestehende Strukturen und Community-Projekte, die einbezogen und vernetzt werden wollen. 

Zurück auf dem UN-Gelände, nimmt ein Teil der Delegation an der UNEA teil und versucht, die Stimme der Bürgerwissenschaft weiter in die internationale Politik zu tragen. Tatsächlich nimmt die Major Group Science & Technology einen ganzen Absatz unseres Statements in ihre Abschlusserklärung auf und auf der abschließenden Pressekonferenz der UNEA macht sich Jacqueline McGlade, ehemalige leitende Wissenschaftlerin des UNEP, für Citizen Science stark. Die verabschiedeten Resolutionen können hier eingesehen werden. Die nächste UNEA wird im Frühjahr 2019 in Nairobi stattfinden – voraussichtlich zu den Themen Biodiversität oder Bildung.

Citizen Science Global Partnership – so der bei Kaffee unter dem Himmel Afrikas geborene Name der internationalen Vertretung – wird wieder dabei sein, dann sogar als ganz offiziell akkreditierte NGO.

Maike Weißpflug

Maike Weißpflug ist promovierte politische Theoretikerin. Sie forscht derzeit am Museum für Naturkunde Berlin zu Konzepten von Open Science, Citizen Science und begleitet die Arbeit der Europäischen Open Science Policy Platform (OSPP). Weitere Forschungsinteressen sind die politische Rolle von Naturkundemuseen und gesellschaftliche Naturverhältnisse.

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