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Wie Citizen Science dazu beiträgt, den Klimawandel greifbarer zu machen

01. Dezember 2021 von Lena Puttfarcken

Hitzesommer, Dürre und eine Hochwasserkatastrophe, die durch den Klimawandel deutlich wahrscheinlicher wurde: Solche Ereignisse rufen deutlich vor Augen, welche Folgen der Klimawandel auch in Deutschland haben kann. Und in der Theorie liegt Klimaschutz den Deutschen am Herzen. In der neuesten Ausgabe der regelmäßigen Umfrage zum Umweltbewusstsein in Deutschland, die das Umweltbundesamt durchführt, sagten 65 Prozent, Umwelt- und Klimaschutz sei für sie sehr wichtig. Gleichzeitig ist die deutsche Politik laut Climate Action Tracker noch nicht auf einem Weg, der die Erderwärmung auf 1,5 Grad begrenzt. 

Ein Schlüsselfaktor für eine weitreichende Veränderung wäre ein hoher Druck aus der Zivilgesellschaft, das zeigt eine Untersuchung der Universität Hamburg. Aber gerade in Ländern, die vom Klimawandel – bis auf Ausnahmen wie einzelne Katastrophen und Hitzewellen – bisher nicht so stark getroffen sind, lässt sich der Klimawandel eher noch aus dem alltäglichen Leben ausblenden.

Warum sich der Klimawandel weit weg anfühlen kann

Dadurch kann sich auch in Deutschland das Gefühl einschleichen: Der Klimawandel betrifft doch nicht mich, sondern eher andere Länder, andere Menschen. Dieses Phänomen wird in der Forschung psychologische Distanz genannt – das Gefühl, dass der Klimawandel mit dem eigenen Alltag nichts zu tun hat (vgl. McDonald et al. 2015). 

Diese psychologische Distanz lässt sich in vier Dimensionen auffächern:

  • Hypothetische Distanz: Der Klimawandel fühlt sich weit weg an, weil nicht klar ist, welche Auswirkungen er haben könnte und ob die Erkenntnisse darüber wirklich gesichert sind.
  • Zeitliche Distanz: Der Klimawandel wird als etwas empfunden, was in der Zukunft passiert.
  • Räumliche Distanz: Der Klimawandel wird als etwas angesehen, das vor allem ferne Länder betrifft, nicht das eigene Land.
  • Soziale Distanz: Man geht davon aus, dass die schweren Folgen des Klimawandels eher andere Menschen betreffen und nicht einen selbst.

Verstärkt wird die psychologische Distanz dadurch, dass der Klimawandel in den Nachrichten häufig ein Thema ist, bei dem es um globale Probleme geht, beispielsweise das Abschmelzen der Eisschilde in Arktis und Antarktis. Wenn der Klimawandel dagegen als etwas besprochen wird, das in der Nähe passiert, und Menschen, die man kennt, kann diese psychologische Distanz verringert werden (vgl. Spence et al. 2012).  

Bewusstsein für den Klimawandel durch gute Kommunikation schärfen

Das Talking Climate-Handbuch der Organisation Climate Outreach gibt praktische Tipps, wie Gespräche und der Austausch über den Klimawandel besser funktionieren. So hilft es beispielsweise, nicht nur selbst zu reden, sondern dem Gegenüber auch Fragen zu stellen. Etwa, was der Klimawandel für den anderen bedeutet, oder worüber er sich Sorgen macht. Auch eine gute Idee ist es, nicht nur über Fakten zu sprechen, sondern die eigene, persönliche Sicht auf das Thema zu teilen. Oder eine Geschichte, die man selbst erlebt hat und die mit dem Klimawandel zusammenhängt. 

Sinnvoll kann es auch sein, gemeinsam aktiv zu werden gegen den Klimawandel. Auf diese Weise fühlt man sich weniger hilflos, und hat gleich einen Ansatz fürs nächste Gespräch. Dafür können auch Citizen-Science-Projekte dienen. Wer sich in der eigenen Stadt oder im eigenen Dorf engagiert und an einem Projekt teilnimmt, tut aber auch direkt etwas gegen die empfundene psychologische Distanz. Es macht den Klimawandel deutlich begreifbarer, wenn man selbst beobachtet, wie sich die Natur in der Heimat schon jetzt durch ihn verändert (vgl. Groulx et al. 2017).

In Deutschland gibt es einige Projekte, bei denen die Teilnehmenden in ihrer Umgebung den Klimawandel erforschen, und ihnen das Thema so näher bringen. Zwei von ihnen stellen wir hier vor.

Wie Bäume unter dem Klimawandel leiden – miterleben im Projekt „MainStadtbaum“

Beim Projekt MainStadtbaum des Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrums überwachen Citizen Scientists in Frankfurt am Main, wie es den Bäumen in ihrer Stadt geht. Dabei wird regelmäßig die Photosynthese-Aktivität ausgewählter Bäume gemessen, die schon frühzeitig anzeigt, wenn ein Baum beispielsweise durch Trockenheit oder Hitze gestresst ist. Das Projekt läuft seit 2020, gemessen wird jeweils von Mitte Mai bis Ende September. Das Ziel ist herauszufinden, wie aufwändig das Monitoring der Photosynthese-Aktivität tatsächlich ist, und welche Standorte oder Baumarten in der Stadt besonders betroffen sind. 

Mittlerweile sind 52 Messteams mit insgesamt über 120 Personen mit den Geräten unterwegs, um die Bäume regelmäßig zu kontrollieren. Mit der Zeit haben viele eine enge Bindung zu „ihren“ Bäumen entwickelt, erzählt Dr. Julia Krohmer, die im Projekt unter anderem für die Kommunikation zuständig ist. Während der ersten Messsaison 2020 haben viele bemerkt, wie sehr die Bäume unter der Trockenheit leiden. Dieses Jahr dagegen hätten sich die Teilnehmer*innen häufig freudig darüber geäußert, dass es den Bäumen durch den Regen besser ginge. „Das wurde als Erholungssaison wahrgenommen“, sagt Krohmer. „Viele haben richtig mit ihren Bäumen mitgefiebert.“

Grundsätzlich seien die meisten Citizen Scientists im Projekt für den Klimawandel schon vorher sensibilisiert gewesen, sagt Krohmer. Aber die Beobachtung vor Ort, was ein trockener Sommer für die Bäume bedeuten kann, habe manche trotzdem angeregt, sich noch mehr mit dem Thema auseinanderzusetzen. 

Mit „BAYSICS“ erfahren, wie der Klimawandel die eigene Region verändert

Das Projekt BAYSICS hilft Menschen in Bayern, den Klimawandel vor ihrer Haustür zu beobachten. In vier Kategorien können Teilnehmer*innen Daten einreichen: zum Wachstum verschiedener Pflanzen, Blühzeiten allergener Arten, zu Tierbeobachtungen und der Verschiebung von Baumgrenzen in den Bayerischen Alpen. BAYSICS bietet außerdem verschiedene Analysetools, mit denen Nutzer*innen die eigenen Daten mit Forschungsdaten abgleichen können, um besser zu verstehen, wie sich ihre Region durch den Klimawandel verändert. „So kann man sehen: Der Klimawandel findet hier statt, wir sehen hier schon die Auswirkungen“, sagt Alissa Lüpke, die für die Kommunikation im Projekt verantwortlich ist.

Nach einer Testphase ist das Projekt Anfang 2021 gestartet. Die Daten können über ein Webportal eingereicht werden oder über eine Web-App, die auf dem Smartphone funktioniert. Einige Daten werden in der Forschung verwendet, beispielsweise die über die allergenen Arten, die mit Daten aus Pollenfallen verglichen werden. Darüber hinaus dient das Projekt aber vor allem dazu, Bürger*innen den Klimawandel näherzubringen. Es gibt auch viele Informationen für Lehrkräfte, die mit ihren Klassen oder Schulen bei BAYSICS mitmachen wollen. 

„Wir möchten mit dem Projekt die Klimaforschung transparenter machen“, sagt Lüpke. Das Projekt soll Gesellschaft und Wissenschaft näher zusammenbringen, und die Teilnehmer*innen können viel darüber erfahren, wie Klimaforschende arbeiten. Zudem sollen Unsicherheiten erklärt werden. „Mit den verschiedenen Kategorien und Tools ist BAYSICS schon recht komplex“, sagt Lüpke. „Aber der Klimawandel ist auch komplex. Das müssen wir kommunizieren.“

Lena Puttfarcken

Lena Puttfarcken ist freie Wissenschaftsjournalistin und promoviert am Karlsruher Institut für Technologie in Wissenschaftskommunikation. Für Bürger schaffen Wissen wirft sie regelmäßig einen Blick in die Citizen-Science-Forschung.

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